Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.

                    


                 „Wo Seefeldt wanderte, da wanderte der Tod."


Bis heute gehören die nachfolgend geschilderten Verbrechen zu den rätselhaftesten und abscheulichsten in der deutschen Kriminalgeschichte. Es geht um Mord - Mord und Sittlichkeitsverbrechen an Kindern, in bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nie dagewesenem Ausmaß.
Es war ein regelrechtes Kindersterben, daß in den Jahren 1933 bis 1935 in den Gebieten zwischen Lübeck, Wismar und Rostock im Norden, Brandenburg und Potsdam im Süden sowie Wittenberge, Ludwigslust und Schwerin im Westen einsetzte, ohne daß die Ursachen dafür ergründet werden konnten. Bis auf einen Fall in Potsdam verschwanden die Kinder alle im Winterhalbjahr. In dichten Schonungen oder in Kornfeldern fand man im Laufe dieser Zeit nach und nach die Leichen von insgesamt 12 Knaben. Die Kinder, alle im Alter von vier bis 13 Jahren, lagen so da, als hätten sie sich zu friedlichem Schlummer niedergelegt.
Das Geheimnis dieses Kindersterbens konnte erst gelüftet werden, als die Fälle sich mehrten. Vor allem, als sich aus den einzelnen Begleitumständen Anhaltspunkte ergaben, daß diese Kinder von fremder Hand, höchstwahrscheinlich mit einem schnell wirkenden Gift, getötet worden sind. Auch die Art ihrer Kleidung ähnelte sich verdächtig. Sie trugen vorwiegend einen Matrosenanzug (Bleyle-Anzug) oder ähnliche Garderobe. Kieler Hose, Windjacke, blaue Mütze gegebenenfalls mit weißen Streifen.
Da bei keinem der tot aufgefundenen Knaben äußere Verletzungen gefunden wurden, ging man zunächst von Unfällen aus. Erst als sich die ähnlich gelagerten Todesfälle häuften, stellte man Fragen nach einem möglichen Täter. Bei diesem mußte oder konnte es, da waren sich die Ermittler einig, sich nur um ein und dieselbe Person handeln.
Erst in mühevoller Kleinarbeit deckte eine polizeiliche Sonderkommission die Fälle auf. Schließlich kam man auf die Spur eines gewissen Adolf Gustav Seefeldt, der als wandernder Gelegenheitsarbeiter (Uhrmacher) von Ort zu Ort lief und Aufträge für Reparaturen von Uhren sammelte. Etwas seltsam erscheint es, daß Seefeldt überall als Menschen- und Kinderfreund bezeichnet wurde, was er sichtlich genoß. Die Kindern auf dem Land kannten ihn nur als Onkel „Tick-Tack" oder Onkel „Adi", denn seinen wirklichen Namen nannte er ganz selten.
Als Ende März in Wittenberge erneut ein Knabe tot aufgefunden wurde und die Polizei begann Seefeldts Vorleben zu überprüfen, war es mit seinem Glorienschein freilich schnell vorbei. Von seinem bisherigen Leben hatte er bereits 23 Jahre in Straf- und Irrenanstalten zugebracht.
Hauptsächlichst war er wegen Sittlichkeitsverbrechen an Kindern vorbestraft und konnte erst 1926 nach Verbüßung einer zehnjährigen Zuchthausstrafe, wegen Sittlichkeitsverbrechens, wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Im Zuge der durchgeführten Ermittlungen konnten Seefeldt ungefähr 40 Fälle der Anlockung und Entführung von Kindern zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Am 3. April 1935 wurde er, nach einer eingeleiteten Großfahndung, endlich gefasst und ihm war klar, was ihn nun erwartete. Nach unendlichen Verhören, aber noch vor Prozessbeginn am 21. Januar 1936, verfasste er deshalb ein Pamphlet mit der Überschrift: "Mein Beschluß".
Im Schwurgerichtsprozeß in Schwerin verurteilte man ihn zum Tode. In seinem Notizbuch, das bei seinen Utensilien gefunden wurde, befanden sich Eintragungen, welche ihn im Zusammenhang mit den 12 Mordtaten auf das Schwerste belasteten. Auch Zeugen, die ihn zusammen mit den vermißten und getöteten Knaben gesehen hatten, konnten die Ankläger reichlich aufbieten.
Das Gericht glaubte zu wissen, wie der Angeklagte den Knaben das Leben nahm, und hatte eine Theorie entwickelt. Doch beweisen konnte das Schwurgericht dies nicht, denn der Angeklagte bestritt seine Täterschaft bis zuletzt.
Kurz vor der Hinrichtung holte sich die Berliner SA Seefeldt in die Reichshauptstadt und unterzog ihn im berüchtigten "Columbia-Keller" (auch unter Columbia-Haus bekannt) in Tempelhof einem „verschärften" Verhör, um endlich die wirkliche Tötungsart zu erfahren.
Ob die, am Ende des Buches eingefügten Aussagen, den Tatsachen entsprechen oder lediglich das Resultat der SA-Prügelorgie waren, ist heute nicht mehr feststellbar. Sehr wohl spricht aber viel dafür, daß die Morde so ausgeführt worden sein könnten, da die Schilderung in vielen Punkten schlüssig erscheint.
Obwohl davon auszugehen ist, daß die angenommene Wahrscheinlichkeit der Tatausführung aus heutiger Sicht dem wirklichen Tathergang sehr, sehr nahe kommt, wird die tatsächliche Ausführung der Tötungen nie mehr zu 100 % geklärt werden können. Denn am Ende bleiben immer noch jede Menge unbeantwortete Fragen.
Gustav Adolf Seefeldt hat seine Geheimnisse nie völlig preisgegeben, sondern für immer mit ins Grab genommen.

(Adolf Seefeldts „Mein Beschluß“ wurde im Anhang noch einmal in übersetzter 

                                               und besser lesbarer Form wiedergegeben).


1. Kapitel
Von der Kinderzeit bis zum Beginn der Wanderschaft


Die Geburt, die Eltern und die Großeltern des Adolf Gustav Seefeldt:

Adolf Gustav Seefeldt wurde am 6. März 1870 in Potsdam als Sohn des Maurergesellen Friedrich August Seefeldt (geb. am 22.Juli 1823 in Potsdam) und seiner Ehefrau Maria Seefeldt (geb. Lehmann, geb. am 26. September 1828 ebenfalls in Potsdam) als Jüngstes von neun Kindern geboren.
Die Großeltern von Adolf Seefeldt waren väterlicherseits der Tagelöhner Peter Seefeldt und dessen Ehefrau Anna, eine geborene Bärwald, mütterlicherseits waren die Großeltern der Bürger und Kaufmann I. C. Lehmann und dessen Ehefrau Maria, eine geborene Grunav. Die Großelternpaare wohnten ebenfalls beide in Potsdam.
Die Ehe der Eltern des Seefeldt stand unter keinem gutem Stern. Immer wieder kam es zu Konflikten, obwohl aus dieser Ehe 9 Kinder hervorgegangen sind, und so wurde diese Verbindung am 20. Juli 1881 vor dem Landgericht in Potsdam geschieden. Da bereits die Ehescheidungsakten Anfang 1910 vernichtet wurden, war es leider nicht mehr möglich, tiefer in diese Familienverhältnisse einzudringen.
Doch bereits etwas über einen Monat später, und zwar am 26. August 1881 ging der Vater des Adolf Seefeldt eine neue Ehe mit der Fabrikarbeiterin Anna Kleemann (geb. am 7. September 1833 in Potsdam) ein. Hier ist davon auszugehen, daß Friedrich August Seefeldt bereits während seiner Ehe mit Maria Seefeldt die Arbeiterin Anna Kleemann kennengelernt und mit ihr außerehelichen Verkehr betrieben hatte, was letztendlich auch die Grundlage der Ehescheidung gewesen sein könnte. Anna Kleemann brachte bereits vor der Ehe fünf uneheliche Kinder zur Welt, von denen aber nur noch eins bei der Vermählung lebte. Über Kinder, welche aus dieser zweiten Ehe hervorgegangen sind, ist nichts bekannt oder überliefert worden. Allen Anschein nach blieb das Paar kinderlos.
Informationen, welche Adolf Seefeldt in seinen späteren Befragungen über den Gesundheitszustand seines Vaters gegenüber der Polizei bzw. dem Gericht immer wieder gebetsmühlenartig von sich gab, entspringen einer ganz bestimmten von ihm verfolgten Taktik.
Bei seinem Vater sollen sich angeblich Geistes- bzw. Nervenkrankheiten gezeigt haben. Auch sei der Vater ein Sonderling gewesen, der weder lesen noch schreiben konnte. Darüber hinaus wäre er ein starker Trinker gewesen, welchen man im Jahre 1894 wegen einer akuten Alkoholvergiftung in das Städtische Krankenhaus in Potsdam eingeliefert habe. Von dort aus sei er im Jahre 1895 in das Potsdamer städtische Armenhaus, Siechhaus, überführt worden, wo er am 11. Januar 1903 verstorben sei. In den letzten Jahren seines Lebens soll Friedrich August Seefeldt erheblich an Geistesstörung gelitten habe und durfte angeblich nicht ohne Wärter ausgehen. Mit dieser Strategie verfolgte Adolf Seefeldt das Ziel, vorzutäuschen, mit einer erblichen Vorbelastung leben zu müssen.
Durch Nachbarn und Bekannte werden beim späteren Schwurgerichtsprozeß im Jahre 1936 die Eltern des Seefeldt allerdings ganz anders dargestellt.
Die Mutter Maria Seefeldt ist bis zu ihrem Tode im Jahre 1897 oder 1898 (das Todesjahr ist nicht eindeutig belegt) völlig normal gewesen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte geblieben. Bis auf einige altersbedingte körperliche Beschwerden hatte sie keine Beeinträchtigungen. Die Angaben ihres Sohnes, sie, die Mutter sei um 1885 herum, also bereits viel früher als der Vater, ins Armenhaus Potsdam wegen akuter Geistesschwäche und Nervenkrankheit eingewiesen worden, sind unzutreffend.
Denn auch bei diesen Angaben handelt es sich um einen der vielen Fälle, in denen Seefeldt bewußt falsche und übertriebene Aussagen über seine erblichen Belastungen und seinen eigenen Zustand gemacht hat. Er unternahm quasi alles, um aus seinen Ausführungen für sich Vorteile zu ziehen.
Die Stiefmutter von Adolf Seefeldt lebte bis zu ihrem Tode im Potsdamer Armenhaus. Als Todestag wird der 31.Mai 1915 amtlich bestätigt.


Die Geschwister:

Adolf war das Jüngste von 9 Kindern in der Familie Seefeldt und wuchs mit vier Brüdern und 4 Schwestern auf.
Die nachfolgenden Angaben zu seinen Geschwistern stammen wiederum direkt von Seefeldt während der Vernehmungen. Dort erklärt er sich wie folgt. Seefeldt zufolge sollen es die Geschwister mit der Ehrlichkeit nicht so genau genommen haben. Bereits in der ersten Ehe wurde die Mehrzahl von ihnen geschieden.
Angeblich waren zwei der Brüder schwere Trinker, ein Bruder soll 1912 Selbstmord durch Erhängen begangen haben, ein Bruder war seinen Behauptungen nach geistesschwach, aber keiner der Brüder war je Soldat. Seinen Aussagen zufolge sind sämtliche Geschwister, so wie er auch selbst, ständig „nebenbei“ gegangen („nebenbei“ = außerehelicher Geschlechtsverkehr). Inwieweit diese Darlegungen stimmten wurde im späteren Schwurgerichtsprozeß deutlich.


Die Schul- und Lehrzeit:

Adolf Seefeldt besuchte die Schule in Potsdam acht Jahre lang und zwar von 1876 bis 1884. Leider konnte nicht mehr ermittelt werden, in welcher Schule er unterrichtet worden ist, da alle Schulakten aus dieser Zeit längst vernichtet worden waren.
Seefeldt beteuerte stets, wenn er in späteren Aussagen mal über seine Schulzeit Auskunft geben mußte, daß er immer zu den besten Schülern gehört habe. Die Gemeindeschule hat er mit der 2. Klasse abgeschlossen und am 6. April 1884 feierte er in der Potsdamer Friedenskirche seine Konfirmation.
Im Alter von 11 bis 12 Jahren wurde er, so die Erklärungen Seefeldts im Zuge der Ermittlungen, von zwei älteren Männern verführt. Einer der Männer habe ihn auf der Straße kennengelernt und mehrfach mit ihm gesprochen. Ab und zu ist der noch minderjährige Adolf Seefeldt von dem Manne abgeholt worden und dieser hat dann mit ihm außerhalb der Stadt unzüchtige Handlungen betrieben. Der Mann habe sein Geschlechtsteil in den Mund genommen und sich dabei selbst befriedigt. Der andere Mann, der Zweite, betrieb mit ihm wechselseitige Onanie.
Obwohl die Stiefmutter den Jungen seit seinem 11. Lebensjahr bis zu seinem 19. Lebensjahr an erzogen hatte, schließlich lebte er ja größtenteils mit im Hause, fiel ihr nie eine Spur von Unzurechnungsfähigkeit oder sittlicher Verderbtheit bei dem Jungen auf.
In der Zeit von 1884 bis 1887 erlernte er in einer Eisengießerei und Maschinenfabrik in Potsdam den Beruf eines Schlossers. Ob er die die Lehre erfolgreich beendet hat, konnte nicht mehr ermittelt werden. Seinen Angaben zufolge will er aber bei einem Uhrmachermeister in der Lehre gestanden haben. Den Namen dieses Uhrmachermeisters und die Straße, in welcher dieser Lehrmeister seine Werkstatt hatte, wollte er angeblich nicht mehr wissen. Es war deshalb zu vermuten, daß Seefeldt nie eine richtige Ausbildung durchgemacht hatte. In allen Innungsbüchern dieser Zeit wurden Nachforschungen angestellt, ob er als eingeschriebener oder ausgeschriebener Lehrling irgendwo auftaucht. Der Name „Adolf Seefeldt“ erscheint aber nirgendwo.
Belegt aber ist seine etwa einjährige Arbeitszeit in der Gasanstalt in Potsdam. In der Folgezeit wechselt er seine Arbeitsstellen immer häufiger. Die Abstände werden immer kürzer. Auch beginnt er nun, seinen Wohnsitz stetig zu wechseln. Allein in den beiden Jahren 1889 und 1890 zog er von Potsdam nach Brandenburg und wieder zurück nach Potsdam, anschließend nach Hamburg, von da aus nach Lübeck und darauffolgend nach Kiel.


Die Ehe:

Zum Zeitpunkt, als der 18-jährige Seefeldt noch in Potsdam wohnhaft war, ging er mit der damals gerade erst 16 Jahre alten Anna Mahr ein inniges Verhältnis ein. Als Folge dieser Beziehung gebar Anna Mahr im Juli 1889 ein Mädchen, welches den Namen Helene erhielt.
Das Verhältnis ging aber bereits nach kurzer Zeit in die Brüche, da Seefeldt Anna Mahr ständig mit immer unangenehmeren Forderungen bedrängte. Unter anderem verlangte er von ihr, daß sie sein Glied in den Mund nehmen solle und daran lutschen, bis er zum Samenerguß komme. Anna wollte diesem ständigen Drängen des jungen Seefeldt nicht nachkommen und trennte sich schließlich von ihm.
Kurze Zeit später lernte sie den Töpfermeister Robert Siegmund kennen und heiratete diesen. Siegmund erfuhr durch Anna von den sexuellen Vorlieben des Adolf Seefeldt.
Erneut wechselte Seefeldt die Arbeitsstellen und die Wohnorte. Wie vorab bereits erwähnt, tauchte er in Brandenburg, Hamburg, Lübeck und Kiel auf. Sichtlich fand er Gefallen an dieser ewigen Umherzieherei mit ständig neuen Arbeitsstellen, ständig einer neue Bleibe und immer wieder neue Bekanntschaften.
Im Laufe der Zeit lernte er auch immer mehr Lokalitäten kennen. Seefeldt nutzte diese aber meist nur zur Beköstigung bzw. um ab und zu mal wieder in den Genuss einer warmen Mahlzeit zu gelangen. Dem Alkohol war er nicht verfallen. Viel lieber ging Adolf Seefeldt tanzen. 

Bei einem solchen Tanzvergnügen lernte der Zwanzigjährige in Lübeck Anfang des Jahres 1890 die sechs Jahre ältere Katarina Jürgen (geb. am 17. April 1864 in Stockelsdorf) kennen. Bereits am 11.Juli 1890 schlossen sie den Bund der Ehe. Wie Katarina Seefeldt angab, war ihr Mann zu diesem Zeitpunkt Schlosser, er konnte aber auch in hervorragender Weise Uhren reparieren.
Sämtliche Verwandten der Frau hatten von dieser Ehe abgeraten, denn Seefeldt war ihnen höchst unsympathisch. Ständig versuchte er den großen Mann zu spielen, was besonders in seiner Kleidung zum Ausdruck kam. Außerdem war ihnen längst bekannt geworden, daß Seefeldt keine Ausdauer bei der Arbeit zeigte, die Arbeitsstellen oft wechselte und seine Arbeit oft versäumte.
Wie nicht anders zu erwarten war, suchte sich Adolf Seefeldt bereits kurz nach der Eheschließung ein neues Betätigungsfeld - ein außereheliches. Er suchte jetzt systematisch nach neuen Frauenbekanntschaften. Die Ehe mit Katarina Seefeldt bestand kaum ein halbes Jahr, als er heimlich seine Frau verließ, mit einem Mädchen ausrückte und sich mit ihr verlobte. Als das Mädchen bei ihren Eltern in Kiel mit Seefeldt erschien, warfen diese ihn aus der Wohnung, denn sie hatten inzwischen von Frau Seefeldt erfahren, daß er verheiratet sei.
Reumütig kehrte Seefeldt wieder zu seiner Frau nach Lübeck zurück, wurde dort aber von deren Bruder mit deutlichen Worten der Wohnung verwiesen.
Wohnungslos stand er auf der Straße, deshalb fasste er den Entschluß, einfach wieder nach Kiel zurückzukehren. Dort angekommen mietete er sich ein Zimmer und schrieb nach einiger Zeit einen Brief an seine Frau in Lübeck. Angeblich habe er jetzt in Kiel eine gute Stellung gefunden und sie solle doch unter Mitnahme der gesamten Wohnungseinrichtung zu ihm nach Kiel umziehen. Anfänglich sträubte sich Katarina Seefeldt noch, der Aufforderung ihres Mannes Folge zu leisten, gab dann aber nach dessen mehrfachem dringlichem Verlangen ihren Widerstand auf und zog zu ihm nach Kiel.
Diesen Schritt getan zu haben bereute Frau Seefeldt bereits kurze Zeit später. Seefeldt begann wiederum sein liederliches Leben und trieb sich nur noch bei anderen Frauen herum. Er kündigte seine Arbeit und reiste durchs Land. Um seine Frau kümmerte er sich gar nicht mehr. Sie war letztendlich auf die Hilfe ihrer Nachbarn angewiesen.
Doch eines Tages erschien Seefeldt urplötzlich wieder bei seiner Frau in Kiel und verkaufte nun ihre gesamte Wohnungseinrichtung. Den Verkaufserlös steckte er sich in die Tasche und verschwand genau so schnell, wie er gekommen war. Katarina Seefeldt konnte ihr Unglück kaum fassen. Sie kratzte ihre letzte Barschaft zusammen und kehrte zu ihrer in Lübeck wohnenden Mutter zurück.
Ein halbes Jahr später steht plötzlich Adolf Seefeldt vor der Wohnungstür seiner Frau in Lübeck und bittet reumütig um Aufnahme. Erst nach längerem Bitten und Betteln ließen sich Frau Seefeldt und ihre Mutter erweichen und nahmen ihn wieder auf.
Aber auch dieser Aufenthalt war nicht von langer Dauer. Erneut verließ er seine Frau, denn sie war zwischenzeitlich von ihm schwanger geworden. Adolf Seefeldt hat sich von diesem Zeitpunkt an nie wieder bei seiner Frau sehen lassen.


Der Sohn:

Am 14. Juni 1892 wurde Katarina Seefeldt von einem Jungen entbunden. Er erhielt den Namen Paul – Paul Seefeldt.
Über die Kinderzeit des Jungen liegen keine Informationen vor. Erst im Jahr 1908, also Paul ist bereits 16 Jahre alt, wird er auffällig, denn man hatte ihn bei widernatürlicher Unzucht erwischt.
Drei Jahre später, am 20. Mai 1911 muß er sich vor dem Landgericht in Lübeck wegen zweier Sittlichkeitsverbrechen verantworten und wird aufgrund §§ 176 Ziffer 3, 74 StGB zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Grundlage dieser Verurteilung war die Tatsache, daß Paul Seefeldt wiederholt Afterverkehr mit einem 9- und einem 14-jährigen Knaben betrieben hatte.
Das Landgericht billigte in seinem Urteil Paul Seefeldt allerdings mildernde Umstände zu. Zum Ersten, aufgrund seiner Jugend und zum Zweiten, weil dem Verurteilten vom Vater Adolf Seefeldt offensichtlich eine gewisse Veranlagung zu derartigen Handlungen vererbt wurde.
In wieweit die Strafe herabgesetzt wurde, konnte leider nicht mehr ermittelt werden.
Aus den Akten ist jedoch ersichtlich, daß Paul Seefeldt bereits am 21. September 1912 erneut vor den Schranken des Gerichts stand. Diesmal vor dem Landgericht Altona. Verhandelt wurde ein Sittlichkeitsverbrechen nach § 176 Ziffer 3 StGB in Tateinheit mit einem Sittlichkeitsvergehen nach § 175 StGB. Der Zwanzigjährige wurde zu 1 Jahr 6 Monate Gefängnis verurteilt.
Im Jahr 1914 mußte der Jugendliche Seefeldt seinen Militärdienst antreten. In einem Strafverfahren wegen Gehorsamsverweigerung im Felde und weiterer Sittlichkeitsverbrechen an Knaben hatte man ihn auch während seiner Militärzeit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das genaue Strafmaß dieser Verurteilung war den Akten aber nicht mehr zu entnehmen. Bestätigt wird allerdings, daß Paul Seefeldt noch vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, also am 11. November 1918 *, wegen angeborenen Schwachsinns den Schutz des § 51 StGB zugebilligt bekam.
Gleich nach Beendigung des Krieges, also noch im Jahr 1918, gelingt es Paul Seefeldt als Hilfsgefangenenaufseher in der Strafanstalt Lauerhof eingestellt zu werden, wo er sich aber kurze Zeit später mit einem der Zuchthäusler einließ. Diesem steckte er sein Geschlechtsteil in den Mund und scheuerte dieses so lange Hin und Her, bis der Samenerguß erfolgte. Dem Zuchthäusler gegenüber, welcher angewidert den Samen ausspuckte, äußerte Paul Seefeldt gereizt: „Das mußt du nicht ausspucken, sondern aufessen, zum Ausspucken ist es zu schade.“
Im Jahr 1920 sucht und findet Paul Seefeldt über eine Zeitungsanzeige einen Laufjungen. Auch mit diesem Knaben betrieb er Onanie. Das Verfahren, welches daraufhin gegen ihn eingeleitet wurde, mußte aber aufgrund des § 51 StGB am 31.12.1920 eingestellt werden. Trotzdem wird eine Entscheidung getroffen. Man beschließt eine Einweisung in eine Heilanstalt. Wegen Gemeingefährlichkeit wird Paul Seefeldt am 8. Januar 1921 in die Heilanstalt Strecknitz** eingeliefert. Aber auch hier nutzt er Spaziergänge und Freigänge zu weiteren sexuellen Verbrechen.
Schließlich wird gemäß Antrag vom Dezember 1934 und dem Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Lübeck vom 18. Januar 1935 die Unfruchtbarkeitsmachung des Paul Seefeldt angeordnet, welche dann im Februar 1935 erfolgt ist.
Zum weiteren Lebensweg von Adolf Seefeldts Sohn Paul schweigen die Aufzeichnungen. Er ist auch nie mehr in Erscheinung getreten und über sein Schicksal wird uns auch nichts überliefert.
Anzunehmen ist, daß er entweder in der Heilanstalt bis zu seinem Lebensende verblieb, oder von den Nationalsozialisten im Rahmen einer Säuberungsaktion still und heimlich liquidiert wurde.
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* Am 11. November 1918 um 5 Uhr früh wurde der Vertrag über den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet und ab 11 Uhr des Tages schwiegen überall die Waffen. Der Erste Weltkrieg war damit beendet.

** Die Heilanstalt Strecknitz war eine psychiatrische Klinik in der Hansestadt Lübeck und bestand bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurde bereits vor dem Ersten Weltkrieg (1912) in Ostholstein auf dem Gelände des Lübecker Stadtgutes Strecknitz gebaut und eingerichtet. Das Reform-Konzept fand breite Anerkennung und die Anstalt betreute 1500 Patienten. Ein mit der Schwesterstadt Hamburg geschlossener Staatsvertrag führte 1930 zur Erweiterung der Bettenkapazität auf Kosten Hamburgs um 400 Betten, die vorwiegend mit Patienten aus Hamburg belegt wurden, die dort wegen Überfüllung der entsprechenden Einrichtungen nicht mehr aufgenommen werden konnten. Im September 1941 wurden 605 Insassen der Heilanstalt Strecknitz auf Veranlassung der Nationalsozialisten abgeholt, um Bettenplätze für Ausweichkrankenhäuser und Lazarette zu schaffen. Alle wurden nach Eichberg bzw. auch nach Weilmünster in Hessen gebracht und dort ermordet.


Die unehelichen Kinder:

Wie vorab bereits erwähnt, zeugte Adolf Seefeldt mit der damals 16-jährigen Anna Mahr das uneheliche Mädchen Helene, welches 1889 zur Welt kam.
Der eheliche Sohn Paul folgte, wie inzwischen bekannt, am 14. Juni 1892.
Im Jahr 1897 war Adolf Seefeldt in Spandau ansässig und hatte dort ein Verhältnis mit einer Emma Gidokeit. Aus dieser Beziehung ging ebenfalls ein Kind hervor. Allerdings ist über das Geschlecht und der Name des Kindes sowie das Verhältnis zwischen Seefeldt und Emma Gidokeit nichts Näheres bekannt geworden. Vermutungen zufolge hat er sich kurz vor, oder kurz nach der Geburt des Kindes von Emma Gidokeit getrennt, denn bereits im Juni 1897 bis 1900 lebte Adolf Seefeldt in wilder Ehe mit der Schneiderin Anna Eckert in Spandau zusammen, welche ihn auch noch zeitweise ernähren mußte, da er ja nur selten, oder gar nicht arbeitete. Aber auch diese Beziehung blieb nicht ohne Folgen und Anna Eckert gebar alsbald ein von Seefeldt gezeugtes Kind. Über das Geschlecht oder den Namen des Kindes existieren leider keine Angaben mehr.
Nicht unerwähnt bleiben soll noch, daß Seefeldt in den Jahren 1894/1895 eine Beziehung mit einem Mädchen namens Patrasch hatte und dieses Verhältnis aber ohne Folgen blieb.
Zu späteren Strafverfahren gegen Adolf Seefeldt wurden auch die beiden Mädchen Patrasch und Eckert als Zeugen vorgeladen und gehört. Beide treffen ihre Aussagen immer eindeutig und bekunden übereinstimmend, daß Seefeldt mit ihnen normalen Geschlechtsverkehr ausgeübt habe und absolut keine Spuren einer Geisteskrankheit oder einer sittlichen Verderbtheit gezeigt hat.
In den Jahren 1903 bis 1908 lebte er in Spandau beziehungsweise in Berlin mit Frauen zusammen, welche er allerdings ständig wechselte. Ob aus solch einer Liebschaft weitere uneheliche Kinder entstanden sind, ist nicht bekannt.


Die Wanderschaft:

Ab dem Jahr 1904 ist Seefeldt ohne festen Wohnsitz. Wenn er nicht gerade in einer Strafanstalt oder Heilanstalt einsaß, befand er sich auf Wanderschaft und hat unregelmäßig gearbeitet. Seine Vorstrafen wegen Bettelns sprechen dafür. In der Zeit von 1904 bis 1908 war er zeitweilig in Reinickendorf, Potsdam, Berlin, Lübeck, Oldesloe, Spandau und Hamburg gemeldet, aber ohne sich jedoch irgendwo länger aufzuhalten.
Vom Jahr 1915 ab weilte er kurzzeitig in Hamburg, Spandau, Wandsbek und Charlottenburg.
Seit dem Jahr 1927 zog Seefeldt nur noch ruhelos wandernd und unregelmäßig arbeitend durchs Land. Er arbeitet nur so viel, daß es zum Überleben gerade so reichte. Aber nirgendwo hält er sich länger auf. Seine Wanderungen führen ihn nun auch kurzzeitig nach Mitteldeutschland und Süddeutschland bis nach Aachen. Sein bevorzugtes Wandergebiet bleibt aber trotzdem Norddeutschland mit Mecklenburg-Lübeck, die Provinzen Schleswig-Holstein und Brandenburg.
Seefeldt hat über diese Wanderungen exakt Tagebuch geführt und seine Eintragungen beginnen mit dem 1. Januar 1931 und sie enden am Tage seiner Festnahme am 03. April 1935.
So notierte sich Seefeldt die einzelnen Stationen sämtlicher Wanderungen vom Januar 1931 bis Anfang April 1935 in seinem Tagebuch. Im nachfolgenden Bild sind die Aufzeichnungen vom Februar 1932 erkennbar.




Ende vom 1. Kapitel.



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