Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.


                                                    5. Kapitel

Die Anlockung und Entführung von Knaben.


Im Laufe der polizeilichen Ermittlungen wurden circa 40 Fälle bekannt, bei denen Seefeldt Knaben angelockt und einfach mitgenommen hat.
In der Akte heißt es dazu: „Wenn auch diese Fälle nicht immer den Tatbestand des § 235 StGB (Kindesentführung) erfüllen und unter der körperlichen Berührung der Kinder nicht immer der Tatbestand des § 176 Ziffer 3 StGB (Sittlichkeitsverbrechen) erblickt werden kann, so bilden sie in ihrer Gesamtheit einen wichtigen Bestandteil des gegen den Angeschuldigten später zu führenden Indizienbeweises wegen der Ermordung von 12 Knaben. Vor der Erhebung der Anklage selbst ist für diese Fälle gemäß § 154 StPO abgesehen worden. Es erschien auch ausreichend, zur Begründung der Anklage 10 Fälle herauszuziehen, die besonders charakteristisch sind für die Art und Weise, in welcher der Angeschuldigte Beziehungen zu Knaben anzuknüpfen pflegte. Bei der Auswahl sind in erster Linie Fälle aus dem Landgerichtsbezirk Schwerin herangezogen und davon wiederum solche Fälle, die auch von Bedeutung sind für die Mordfälle Tesdorf, Neumann und Zimmermann."
In diesen Akten wird bereits Bezug genommen auf den „Jahrhundertprozeß" 1936, dem wir uns später zuwenden und behandeln werden.
Beobachten wir aber zunächst einmal Seefeldt, mit welchen Mitteln er vorgeht, welche Tricks und Finten er anwendet, um mit Knaben in Kontakt zu kommen, sie zum Mitgehen zu bewegen und schließlich versucht, sie für seine sexuellen Befriedigungen empfänglich zu machen.


1.) Der Fall - Wilhelm Wollenberg in Lankow

Im Jahr 1927, es war Anfang August, fand Seefeldt in Lankow bei der Witwe Anna Wollenberg eine gastfreundliche Aufnahme (... bei ihr hatte Seefeldt auch noch später, bis zirka 1933, in jeweils längeren und kürzeren Abständen gewohnt, jedoch stets unangemeldet).
Frau Wollenberg war eine ruhige und sehr freundliche Person, mit einem Hang zum mütterlichen. Seefeldt fühlte sich bei ihr sehr wohl und das betonte er ihr gegenüber auch bei jeder Gelegenheit. Dieses familiäre Umfeld empfand er als sehr wohltuend. Bei einer passenden Situation schenkte er der Witwe großzügig ein Bild von sich. Allerdings trägt er auf diesem Foto einen Vollbart und ist gar nicht wiederzuerkennen.
Aber nicht nur diese Familienidylle behagt ihm sehr, nein, denn die Witwe Wollenberg hatte auch ... einen 13 Jahre alten Sohn namens Friedrich-Wilhelm. Mit diesem spielte er sehr oft. Er hob ihn dann hoch, setzte ihn sich auf den Schoß und küßte den Knaben dann jedes Mal innigst. Und um Friedrich Wilhelm gefügig zu machen, beschenkte er ihn ständig. Allerdings waren das immer nur kleine Geschenke. Einmal brachte ihm Seefeldt z.Bsp. eine Mundharmonika mit, worüber der Junge sich sehr erfreut zeigte.
Aber Friedrich-Wilhelm Wollenberg wünschte sich seit längerer Zeit etwas ganz anderes. Er träumte schon eine ganze Weile davon, ein Fahrrad zu besitzen. Als Seefeldt davon erfuhr, scheute er keine Kosten. Obwohl das Geschenk ein großes finanzielles Loch in seine Kasse riss kaufte er dem Knaben am 3. Dezember 1927 beim Fahrradhändler Haberecht in Schwerin trotzdem ein solches. Allerdings kann er vorab nur eine Anzahlung von 12 Reichsmark leisten, ist aber in der Lage, wenige Tage später, weitere 12 Reichsmark dem Haberecht zu übergeben.


Seefeldt hatte sich mit dem Jungen im Laufe der Zeit richtig angefreundet und so kam es auch, daß Friedrich-Wilhelm oft mit Seefeldt in die Umgebung wanderte, da dieser in der Gegend um Schwerin herum zahlreiche Kundschaft besaß, bei denen er Uhrenreparaturen ausführte.
Entweder im Jahr 1928 oder 1929 (diese Jahreszahl ist nicht genau belegt) nahm er den Knaben mit in das Buchholz bei Schwerin. Hier hatte er, mitten in einer Kiefernschonung etwas südlich des Plater Weges, ein Versteck angelegt, in welchem er sein Reparaturwerkzeug aufbewahrte. Um dieses Versteck auch ja wiederzufinden, hatte er sich die Stelle gekennzeichnet. Einige Bäume in der Nähe des Verstecks waren mit auffälligen Rindeneinkerbungen markiert.
Während beide so durch den Wald bis zur besagten Kiefernschonung gingen, unterhielten sie sich angeregt. Mitten im Gespräch schob Seefeldt die Frage ein, ob er (Friedrich Wilhelm) denn überhaupt keine Angst habe, mit ihm hier so allein durch den Wald zu laufen, worauf der Junge mit einem für Seefeldt verblüffenden: „Nein, warum?" antwortete.
An der Schonung angekommen, ging Seefeldt hinein, holte sein verstecktes Werkzeug und sagte dann zu Wollenberg: „So, jetzt mußt du mir aber einen Kuss geben", was dieser auch anstandslos tat.
Aber Adolf Seefeldt plagte nach einiger Zeit schon wieder die innere Unruhe und nachdem er bei der Witwe Wollenberg wieder ausgezogen war, weil er beschlossen hatte doch sein altes Wanderleben wieder aufzunehmen, vergaß er es nie, sich hin und wieder bei Anna Wollenberg und ihrem Sohn durch eine umfangreiche Anzahl von Postkarten in Erinnerung zu bringen.
Die Äußerungen und das Verhalten Seefeldts ließen keinen Zweifel aufkommen, daß er wohl eine Zeit lang die Absicht hatte, Frau Wollenberg zur ehelichen.

Vorschau:
Bei einer späteren Vernehmung wird Friedrich-Wilhelm Wollenberg bestreiten, daß Seefeldt sich ihm unzüchtig genähert bzw. unzüchtige Handlungen mit ihm durchgeführt hat. Schon anhand der Verhaltensweise von Wollenberg während der Vernehmungen wird auffällig, daß diese Aussagen anzuzweifeln sind.
Auch Seefeldt bestreitet vehement, unzüchtige Handlungen mit dem Knaben vorgenommen zu haben. Alle anderen Vorgänge gibt er zu, bis auf die Markierung an den Bäumen im Schweriner Buchholz. Das sei er nicht gewesen. Da würde man ihn zu Unrecht beschuldigen.


2.) Der Fall - Helmuth Siee

Als im Sommer 1928 der Schüler Helmuth Siee, er war zu diesem Zeitpunkt gerade 13 Jahre alt, sich mit mehreren seiner Schulkameraden, alle waren gemeinsam in Borstel bei Stendal gewesen, auf dem Rückweg nach Stendal befand, wurden die Jungen von einem älteren ihnen unbekannten Mann überholt. Der begann sofort, alle in ein Gespräch zu verwickeln und sie auszufragen. Woher sie kommen und wohin sie denn wollten, vor allem, wo ihre Eltern denn wohnten. Er sei ein Uhrmacher, der von Ort zu Ort wandere und seine große Kundenschar warte teilweise schon sehnsüchtig auf ihn.
Mit dem Schüler Helmuth Siee unterhielt er sich besonders lange und intensiv, bis er schließlich auf den Punkt kam. Er schlug dem Schüler kurzerhand vor, doch bei ihm Uhrmacher zu lernen, dann könne er immer mit ihm reisen.
Aber Siee lehnte dieses „tolle“ Angebot ab. Seefeldt blieb hartnäckig und wich dem Jungen so lange nicht von der Seite, bis dieser die elterliche Wohnung erreichte. Dort setzten sich beide auf eine Bank vor dem Haus und Seefeldt notierte sich die Adresse von Helmut Siee, denn er wolle an ihn schreiben.
Mit der Bemerkung, andere Kinder habe er auch schon mit Füllfederhaltern, Mundharmonikas und Taschenmessern beschenkt, übergab er dem völlig erstaunten Siee eine Taschenuhr.
Einige Tage später erhielt der Junge eine Postkarte von dem Fremden - den Namen von Seefeldt kannte er zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht - mit der Anrede: „Mein lieber guter Freund". Die Karte enthält einen Vers und die Frage, ob er irgendwelche Wünsche hätte. Es solle darüber nachdenken. Zum Schluss grüßt der Fremde noch die Eltern von Siee.


Nach einigen Wochen tauchte der Fremde unverhofft in der Nähe der Sieeschen Wohnung auf und als er den Knaben, der gerade inmitten mehrerer Schülern spielte, entdeckte, sprach er ihn sofort an und forderte ihn auf, mit ihm spazieren zu gehen. Missmutig folgte Helmuth dem Manne, der sofort begann über seine schöne Tätigkeit als Uhrmacher zu sprechen, daß er bei ihm lernen könnte und ... dass er "Seefeldt" heißt.
Während dieser Unterhaltung kramte Seefeldt beim Laufen tief in seinen Taschen und fördert plötzlich mehrere lose Pralinen von der Größe einer Kirsche zutage, um sie dem Knaben zum Essen anzubieten. Der lehnte diese „unverpackten Köstlichkeiten" aber ab. Seefeldt wollte sich jedoch großzügig zeigen und beschenkte den Knaben deshalb mit 50 Pfennigen.
Nachdem sie eine größere Runde in angeregter Unterhaltung gelaufen waren und sich fast wieder dem Ausgangspunkt genähert hatten, erinnerte Seefeldt den Jungen noch einmal an die Möglichkeit der Uhrmacherlehre. Vor allem einen guten Verdienst stellte er ihm in Aussicht. Aber Helmut Siee wollte nicht, versprach aber beim Abschied wiederzukommen.
Mitte August erhielt der Junge einen längeren Brief von Seefeldt, indem er sich dafür entschuldigt, daß er ohne Erlaubnis des Vaters beziehungsweise ohne Einwilligung der Eltern ihren Sohn Helmuth mit einer Taschenuhr beschenkt hatte. Unter anderem heißt es in diesem Brief: „Bitte auch du mein Freund für mich um Verzeihung".
Dann wehklagte er wieder, daß er doch keinen Menschen habe, der sich um ihn kümmere. Aber gleichzeitig verspricht er für Helmuth Siee viel Gutes tun zu wollen und für ein Wiedersehen würde er den Eltern Butter, Zucker, Gepäck und Kaffee schicken, um mit dem Knaben einen vergnügten Nachmittag verleben zu können.
Schließlich endet der Brief mit einem Gedicht:

„Viel Glück, Gesundheit und Wohlergehen,
möge immer Dir zur Seite stehen.
Bist immer Du ein braver lieber Sohn,
Gott erfüllt meine Wünsche dir zum Lohn.

Glockenklang, dem Herrn sei Dank.
Hörst Du sie über dir erklingen?
Sie wollen Dir meine Grüße bringen.
Wenn Dein Freund auch in weiter Ferne,
bin ich im Geist doch bei Dir so gerne.

Muttern und meint es so gut.
Geh nicht, solange sie dir schirmen mag.
Ach, es ändert einst der schönste Tag“.

Weitere Postkarten folgten. So vom September bis Dezember 1928 allein sechs und jedes Mal fragt Seefeldt an, welche Wünsche Helmuth Siee habe, weil er diese ihm gern erfüllen möchte. Und immer bezieht er sich auf Gott, daß Gott diese Freundschaft wolle und sie beide ja auch die Kraft Gottes in sich hätten. Mit den Worten: „Was Gott tut, ist wohl getan ", oder „Gott ist bei uns ", bzw. „ ... ich habe ja keinen Menschen auf dieser Erde, welchem ich Freude bereiten könnte. Ich komme zu dir. Tränen stehen mir in den Augen, wenn ich an unsere Freundschaft denke“, versuchte er Helmut Siee einzuwickeln.
Bei all den Bemühungen die Seefeldt unternimmt die Gunst dieses Jungen zu erlangen, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß gerade Helmuth Siee vom Typ und vom Aussehen her der Zielgruppe von Knaben entsprochen haben mußte, die Seefeldt stark sexuell erregte. Denn nicht umsonst hatte er sich gerade diesen Jungen aus der Schülergruppe, die von ihrem Ausflug nach Borstel zurückkam und wieder nach Stendal wollte, ausgesucht und ständig kontaktiert. Er versuchte es mit allen Tricks, er versprach, er beschenkte, er bot sich an, nur um diesen Jungen zu besitzen. Um sein sexuelles Ziel zu erreichen, unternahm Seefeldt alles. Ihm war jedes Mittel recht.
Erst Ende September 1928 antwortet Helmut Siee auf eine der Karten. Postlagernd.
Im Jahr 1929 beendete Siee die Schule und begann in einem Stendaler Geschäft seine berufliche Entwicklung. Zunächst wird er, wie viele andere Berufsanfänger zur damaligen Zeit auch,  Laufbursche.
Eines Tages im Sommer 1929, steht plötzlich Seefeldt erwartungsvoll vor dem Geschäft. Er schlägt „seinem einzigen Freund“ Helmuth vor, doch am Abend mit ihm auszugehen. Der stimmte Seefeldts Wunsch zähneknirschend zu, setzte aber seinen Vater vorsorglich von dieser Verabredung in Kenntnis.
Beide trafen sich am Abend an der vereinbarten Stelle und gingen unmittelbar darauf in das nächstgelegene Lokal. Hier zeigte sich Seefeldt für seinen „besten Freund"  von seiner spendabelsten Seite. Er bestellte gönnerhaft für Helmut Siee … einen Sprudel.
Nachdem es völlig dunkel geworden war, bezahltes Seefeldt die Zeche und beide verließen das Lokal wieder. Allerdings war Seefeldt etwas unvorsichtig beim Bezahlen. So entging Helmuth Siee nicht, daß Seefeldts Brieftasche mit 10 und 20 Markscheinen mehr als reichlich gefüllt war.
Oder steckte ein gewisses Kalkül dahinter, daß Seefeldt einen Blick in seine Brieftasche zuließ? Nun, wir werden es nicht mehr erfahren. Wir können den Zweck nur vermuten.
Nachdem beide das Lokal verlassen hatten, gingen sie auf den Nordwall, setzten sich auf eine Bank und begannen ein längeres Gespräch. Mittendrin erhob sich Seefeldt plötzlich, drückte die Hände theatralisch an sein Herz und gestand Helmuth Siee seine große Liebe, was dieser aber völlig ungerührt und ohne jede Regung zur Kenntnis nahm. Er hatte sich über diese eigenartige Situation, in welche er hier hineingeraten war, schon längst sein eigenes Bild gemacht und wollte sie nun schnellstens beenden, ohne aber unhöflich zu sein.
Seefeldt nutzte die Situation seiner Liebesbeteuerungen nicht für sexuelle Handgreiflichkeiten aus und unternahm auch keinen Versuch einer unzüchtigen Handlung.
Nach circa 20 Minuten war bei Siee der Punkt erreicht, wo er einfach nur noch nachhause wollte. Er stand auf und begab sich auf den Heimweg. Seefeldt schlurfte in seiner leicht nach vorn gebeugten Laufhaltung hinter ihm her, bis man sich schließlich verabschiedete mit der Bemerkung über einen baldigen erneuten Treff. Dieser Treff kam aber nie mehr zustande.
Eine Uhr oder dererlei Geschenke, hat Helmuth Siee an diesem Abend von Seefeldt nicht halten.
Über das gesamte Jahr 1929 verteilt erhielt Siee noch drei Postkarten und einen Brief. Unter den üblichen Schleimereien heißt es z. Bsp. auf einer Postkarte: „Es ist ja Gottes Wille. Ich denke oft an dich mein Liebling." Im Brief schreibt der an Siee, er solle ihn doch bitte du anreden. „Mein treuer Freund Helmuth, rede mich mit du an, denn du bist ja mein bester Freund auf Erden."

Vorschau:
In den Vernehmungen bei der Polizei gibt Seefeldt diesen Fall unumwunden zu und kann sogar einiges zur Ergänzung beitragen. Es ist schon erstaunlich an welche Einzelheiten er sich erinnert.
Dazu lesen wir in den Akten: „Auf die Fragen, wie er dazu gekommen sei, einem wildfremden Jungen eine Uhr zu schenken und warum die Briefe und Karten in einem so warm gehaltenen Ton geschrieben seien, gab er zur Antwort, der Junge habe ihn um die Uhr gebeten; er freue sich mit, wenn er einmal einem anderen eine Freude machen könne; er pflege immer sehr freundlich zu schreiben; Schlimmeres sei nicht gewesen, was er mit Siee vorgehabt habe.“


3.) Der Fall- Karl Penzlin in Ludwigslust

Man schreibt das Jahr1929. Der Schüler Karl Penzlin aus Ludwigslust, er war zu diesem Zeitpunkt gerade mal neun Jahre alt, ging an einem Abend im November oder Dezember zu einem Kaufmann, um sich von ihm eine leere Sprottenkiste zum Spielen zu holen.

Auf dem Rückweg überquerte er den Schlossplatz und verlor dabei einen Holzpantoffel. In diesem Moment trat ein völlig fremder Mann auf ihn zu und fragte, wohin er den mit dieser Kiste wolle. Etwas misstrauisch aber freundlich äußerte der Knabe, daß er sich aus dieser Kiste Spielzeug anfertigen wolle.

Das kurze Gespräch hatte genau die Richtung erfahren in die Seefeldt es haben wollte und der fügte sofort ein, daß man das Spielzeug viel einfacher herstellen könne, nämlich mit einem Schnittmusterbogen. Diesen würden sie sich jetzt im nächstliegenden Spielwarengeschäft besorgen, redete Seefeldt auf den Jungen ein und so zogen beide los diesen Bogen zu kaufen. 

Sie gingen zu verschiedenen Spielwarengeschäften und Buchhandlungen, aber nirgendwo konnte man einen solchen Schnittmusterbogen kaufen.
Seefeldt tröstete den Jungen und versprach, er würde ihm einem solchen Bogen mitbringen, auch Soldaten. Ein kleines Taschengeld sollte er dann auch bekommen, wenn er wieder wegfahre.
Allerdings, und das fügte Seefeldt besonders betonend hinzu, solle er keinem Menschen davon erzählen. Vor allem seinen Mitschülern nicht, denn die würden sofort neidisch. Eigentlich dürfe man Kindern gar nichts schenken, aber er beschenke arme Kinder ab und zu einmal, weil diese sich immer besonders freuten.
Um seine Mahnung zur Verschwiegenheit zu untermauern, erzählte Seefeldt noch von einem Jungen im Alter von acht bis neun Jahren. Mit dem sei er zusammen gewesen, bis er 15 Jahre alt war, aber verraten hätte der nie etwas. Bei diesen Worten legte er Karl Penzlin sanft seine Hand um den Hals und zog ihn an sich, währenddessen er weitere Fragen an den Jungen richtete. Zu seinem Geburtstag, so versprach Seefeldt, würde er von ihm auch eine Uhr geschenkt bekommen.
Die gesamte Unterhaltung zog sich noch eine Weile hin, ohne daß Seefeldt zudringlich wurde, oder sexueller Annäherungsversuche startete.
Schließlich begleitete er den Knaben nach Hause, trennte sich aber erst von Penzlin, als dieser ihm für den nächsten Tag ein Treffen zugesichert hatte. Treffpunkt - gegen 16 Uhr am Kriegerdenkmal. Als der Junge schon ein Stück weg war, rief Seefeldt ihm noch "besorgt" hinterher: „Zieh dich warm an und binde einen Schal um. Morgen bekommst Du eine Taschenuhr und einen Ausschnittbogen."
Am nächsten Tag stand Seefeldt bereits vor der Schule und erwartete Karl Penzlin, dem er sofort ein Lügenmärchen auftischte. Er sei ja Agent einer Feuerversicherung und hätte heute etwas früher Zeit. Deshalb könne man sich schon zwei Stunden früher am Kriegerdenkmal treffen. Penzlin hatte nichts dagegen und war einverstanden. Doch nun wollte der Junge endlich nach Hause, denn dort wartete bereits seine Großmutter mit dem Mittagessen.
Zu dem mit Seefeldt vereinbarten Treffen ist, Karl Penzlin allerdings nicht erschienen.

Vorschau:
Hierzu verteidigt sich der Angeschuldigte Seefeldt im nachfolgenden Abschnitt vier (Karl Geißler - Ludwigslust)


4.) Der Fall - Karl Geißler in Ludwigslust

Als Seefeldt am Kriegerdenkmal in Ludwigslust den Schüler Karl Penzlin (Fall drei) wie vereinbart um 14 Uhr nicht antraf, sprach er einen anderen in ihrer Nähe stehenden Schüler an. Es war der acht Jahre alte Karl Geißler, der sich gerade die Auslagen in einem Schaufenster angeschaute.
Wie üblich begann Seefeldt seinen Befragungstext abzuwickeln. Woher er gerade komme, wo er wohne und vor allem - wohin er wolle. Der Junge beantwortete ruhig Seefeldts Fragen und erklärte abschließend, daß er auf dem Weg zu einem Gehölz sei, um Adventszweige zu holen. In diesem Augenblick muss es Seefeldt durchzuckt haben, denn er antwortete sofort: „Du kannst mit mir kommen, ich will auch nach dem Wald, um Eichkätzchen zu fangen. Du siehst ja, ich habe eine Kiste mit wo das Eichkätzchen hinein soll und eine zweite Kiste habe ich noch im Wald stehen."
Ohne noch lange herumzustehen, machten sich Geißler und Seefeldt auf den Weg. Seefeldts Ziel waren die Laaschaer Tannen. Während beide so liefen erkundigte sich der Knabe bei Seefeldt, ob er auch ein Eichkätzchen haben könne. Der war geradezu begeistert von dieser Frage und natürlich auch sofort einverstanden
Auf dem restlichen Weg bis zum Walde führte er das Wort und begann, mit der ihm eigenen Art, den Jungen langsam taumelig zu reden. Er erzählte dem Knaben unentwegt so allerlei. Unter anderem, daß er heute schon einen Jungen zum Kriegerdenkmal bestellt hätte. Dieser sei leider noch nicht da gewesen. Sicher habe er sich wieder verspätet, aber dieser Junge habe ihn auch schon einmal geküsst und dafür habe er ihm eine goldene Uhr geschenkt.
Inzwischen waren beide bei den Laaschaer Tannen angekommen als ihnen plötzlich ein Trupp Arbeiter entgegenkam. Seefeldt hatte diese prekäre Situation erfasst. Er begriff sofort, daß es jetzt einfach zu gefährlich sein würde, mit dem Jungen kurzerhand im Gehölz zu verschwinden.
Um eine Lüge nie verlegen tischte er Karl Geißler eine andere Vorgehensweise auf. Im Moment könnten sie nicht in den Wald gehen, um Eichkätzchen zu fangen, weil das verboten sei. Solange die Arbeiter noch nicht vorübergegangen seien, denn diese waren unvermittelt stehen geblieben und unterhielten sich eifrig, ginge das nicht. Nach einer kurzen Stehdiskussion gingen die aber rasch weiter und Seefeldt schickte sich an nun endlich mit dem Jungen im Unterholz zu verschwinden. Er ging noch ein kleines Stück, als plötzlich ein Ludwigsluster Polizeiwachtmeister auf ihn zutrat, ihn festnahm und ihm Handschellen anlegte.
Die Großmutter des im vorherigen Fall erwähnten Karl Penzlin hatte, ihrer inneren Stimme folgend, die Ludwigsluster Polizeibehörde informiert, denn ihr Enkelsohn Karl hatte beim Mittagessen von diesem geplanten, seltsamen Treffen erzählt.
Seefeldt wurde auf die Polizeiwache gebracht und anschließend einem Verhör unterzogen. Er wird zu den beiden Fällen Penzlin und Geißler befragt und plötzlich kann sich der Angeschuldigte Seefeldt an alles genauestens erinnern. Genau umgedreht sei es gewesen, als was man ihm gegenüber behauptet. Ja, er habe dem Penzlin nur angeboten, ihm ein paar Zigarettenkisten zu beschaffen für dessen Laubsägearbeiten, da er kein entsprechendes Holz hatte. Die Kisten sollte sich Penzlin am nächsten Tag bei ihm am Kandelaber abholen. Doch der Junge sei gar nicht erschienen.
Und den Schüler Geißler, ... den Schüler Geißler hat er zufällig auf dem Weg nach Groß-Laasch, wo er nach Arbeit suchen wollte, getroffen. Rein zufällig sind sie ein Stück des Weges gemeinsam gegangen und von Eichkätzchen sei während ihrer kurzen Unterhaltung nie gesprochen worden. Das drehe der Junge aber jetzt alles um.


5.) Der Fall - Erwin Jessulat und Erich Jäkel in Grabow

Am 10.Mai 1930 hielt sich Adolf Seefeldt in Grabow auf. Grabow liegt etwa 7 km südöstlich von Ludwigslust direkt an der Bahnlinie Hamburg - Berlin und zählte zu diesem Zeitpunkt circa 5000 Einwohner.


Größtenteils kennt man sich hier untereinander und bemerkt sofort, wer in Grabow ortsfremd ist. Und so dauert es auch gar nicht lange, bis ein älterer Mann auffällig wird, der sich verdächtig lange vor der Schule in der Prislicherstraße herumtreibt, sich dann aber nach längerer Zeit in die angrenzende Feldstraße aufmacht.


Dort kommen ihm gegen 14:00 Uhr der fünf Jahre alte Erwin Jessulat und der drei Jahre alte Erich Jäkel entgegen. Seefeldt zögert nicht und spricht die beiden Jungen sofort an. Schließlich lockt er sie unter dem Vorwand, mit ihnen Pferd zu spielen, mit sich. Beide Knaben hegen überhaupt kein Misstrauen gegen diesen Fremden, sondern zeigen sich einverstanden und gehen mit.
Zunächst liefen sie durch die Feldstraße hindurch bis auf die Berliner Chaussee in Richtung Kremmin. Dort kam ihnen ein Landwirt entgegen, der das seltsame Verhalten des "Alten" mit den beiden Knaben recht merkwürdig fand. Zur Rede gestellt, was er denn da mit den beiden Jungen beabsichtige, entgegnete Seefeldt frech: „Gar nichts." Es sei das Beste, entgegnete daraufhin der Landwirt gereizt, man brächte ihn zur Polizei. Weiter sprach er mit diesem fremden Mann nicht, sondern setzte seinen Weg in Richtung Grabow fort.
Nachdem er außer Sichtweite des „Alten“ war beeilte er sich, um so schnell wie möglich den Ort zu erreichen. Umgehen informierte er die Eltern des Jessulat, damit die Mutter die Kinder zurückholte, währenddessen er Meldung bei der Gendarmerie machte. Dort sputete man sich, um den Kindesentführer in möglichst kürzester Zeit einzuholen.
Als Seefeldt plötzlich bemerkte, daß er verfolgt wurde, flüchtete er einen Feldweg entlang in Richtung des Waldes der direkt an der Chaussee nach Lenzen lag. Daraufhin durchsuchten nun mehrere Personen das Gebiet, in welchem der Verdächtige plötzlich verschwunden war. Erst nach längerer Suche konnte der Flüchtige dingfest gemacht werden. Doch das war mehr ein Zufall. Nur durch die Aufmerksamkeit eines Knaben entging Seefeldt der Festnahme nicht.
Bei seiner Flucht in das Dickicht des Waldes hatte er ein Kaninchenloch entdeckt in welchem er sich ganz geschickt versteckte. Seinen Körper deckte er dann mit Zweigen und Tannennadeln ab.
Die verschiedensten Personen des Suchtrupps liefen unmittelbar an ihm vorüber, jedoch ohne ihn zu bemerken. Seefeldt lag so eine ganze Weile in seinem Versteck, bis er keine Stimmen mehr hörte. Deshalb ging er davon aus, daß sich seine Verfolger in eine andere Richtung bewegt hätten und genügend weit weg wären. Er erhob sich vorsichtig, staubte leicht seine Kleider aus und entfernte sich vorsichtig in die entgegengesetzte Richtung. In diesem Moment wurde er von einem wachsamen Knaben entdeckt und kurz darauf ließ der Hauptwachtmeister der Gendarmerie Wagenknecht die Handschellen an Seefeldts Handgelenke klicken. Adolf Gustav Seefeldt war wieder einmal verhaftet.
Auch hier kann sich der Angeschuldigte Seefeldt an alle Einzelheiten des Vorfalls genauestens erinnern. Seiner Behauptung nach haben ihn die zwei Knaben angesprochen und sind ein Stück mit ihm gegangen. Er hätte sie jedoch mehrmals aufgefordert nach Hause zu gehen, aber da sei auch schon die Mutter erschienen, um beide Jungen zurückzuholen.
Den Vorwurf, er hätte beabsichtigt an beiden Knaben unzüchtige Handlungen vorzunehmen, bestritt der Angeschuldigte Seefeldt ganz energisch, denn das sei eine niederträchtige Unterstellung.


6.) Der Fall - Walter Fentsch in Schwerin

Der damals 12 Jahre alte Walter Fentsch aus Schwerin wurde im Winter 1931 in der Wismarschen Straße gegen 11½ Uhr von Seefeldt angesprochen, ob er Lust hätte ins Kino zu gehen.
Der Junge bejaht diese Frage, worauf ihn Seefeldt erst einmal nach Hause schickte um Mittag zu essen. Anschließend würden sie sich gegen 16 Uhr am Palast-Kino treffen. Von dieser Verabredung dürften seine Eltern jedoch nichts erfahren. Aber Walter Fentsch erzählte seine Eltern trotzdem von dieser Verabredung, die dem Vater recht merkwürdig vorkam und so folgte er seinem Sohn unauffällig zum Palast - Kino. Dort stand Seefeldt schon und wartete. Als Walter Fentsch auf ihn zutrat erklärte Seefeldt dem Knaben, daß das gegebene Stück überhaupt nichts tauge, sie müssten zur einem anderen Kino gehen. Kaum waren sie am Residenz-Kino angekommen waren, benutzte Seefeldt die gleiche Ausrede, deshalb liefen beide nun weiter zum Kino Schauburg. Aber auch hier musste diese Ausrede wieder herhalten und so trottete er mit dem Jungen zurück zum Palast-Kino.

Information:

Im Jahr 1931 existierten in Schwerin drei Lichtspielhäuser:

Palast-Lichtspiele - am Marienplatz Nr. 5/6,  - Gründung 1910,  - tägliches Programm,

Residenz-Lichtspiele - am Marienplatz Nr. 3, - Gründung 1912,  - tägliches Programm

Schauburg – in der Kaiser-Wilhelm-Straße Nr. 53, - Gründung 1913,  - tägliches Programm

Seit seiner letzten Inhaftierung ging Seefeldt bei seinen Anlockungsversuchen viel vorsichtiger zu Werke. Er hatte es sich zu eigen gemacht seine Umgebung ständig zu beobachten, um einer etwaigen Entdeckung seines Vorhabens schon frühzeitig begegnen, bzw. sich in brenzligen Situationen klammheimlich und möglichst unauffällig aus dem Staub machen zu können.
Und so war diesem listigen Triebtäter auch nicht entgangen, daß der Vater das Walter Fentsch ihnen schon eine ganze Weile gefolgt war. Urplötzlich griff Seefeldt in die Tasche holte etwas Geld heraus und gab es dem Jungen. Dann ließ er ihn allein ins Palast - Kino gehen und entfernte sich zügig.
Aber der Vater des Knaben, der Maler Karl Fentsch ließ sich nicht täuschen, sondern ging Seefeldt weiterhin hinterher und beobachtete ihn. In der Kaiser-Wilhelmstraße unmittelbar beim Graphia-Verlag sah er, wie Seefeldt plötzlich einen daherkommenden sechsjährigen Jungen ansprach, kurz mit ihm redete und ihn dann mitnahm. Zuerst durch die Schlossstraße, dann zum Schlossgarten.
Als Karl Fentsch gerade über die Schlossbrücke ging kamen zwei, ihm bekannte Polizeibeamte in Zivil entgegen. Fentsch trat auf sie zu, erklärte beiden kurz die Situation und bat um Unterstützung.
Zwischenzeitlich hatte Seefeldt mit dem Knaben den Schlossgarten durchlaufen, war bereits am Siegfrieddenkmal vorbei und lief am Faulen See entlang in Richtung Püsserkrug. Beide hatten den Püsserkrug noch nicht ganz erreicht als die Polizeibeamten auf Seefeldt zutraten und vom ihm die Ausweispapiere zur Überprüfung forderten.
Gleichzeitig meldete sich der Junge ungefragt zu Wort und äußerte lautstark, daß er mit dem Manne spazieren gehen soll.
Die Beamten prüften die Papiere sehr sorgfältig. Weil nach ihrer Meinung jedoch keine strafbare Handlung vorlag, ließen sie Adolf Seefeldt weiterlaufen. An diesem Fall kann sich Seefeldt natürlich später nicht mehr erinnern, er bestätigte aber, daß er öfters Kindern Geld für einen Kinobesuch gegeben habe.


7.) Der Fall - Erich Friemann zu Techentin

Das Jahr 1934 neigte sich dem Ende zu. Gerade einmal 10 Tage waren es noch bis zum heiligen Fest. In Techentin bei Ludwigslust geht es bei der Familie Friemann der Großmutter nicht besonders gut. Sie ruft deshalb ihren Enkel und bittet ihn, aus der Apotheke im nahe gelegenen Ludwigslust für Sie einige Medikamente zu holen.
Der 11 Jahre alte Schüler Erich Frieman machte sich auch sofort auf den Weg. Vor dem Schaufenster der Apotheke bleibt er jedoch kurz stehen, um sich die Auslagen zu betrachten, als er plötzlich von einem auf ihn zukommenden älteren Mann angesprochen wird. Erschrocken blickte Friemann zu dem "Alten" auf, der ihn fragte, ob er sich schon ein Weihnachtsgeschenk ausgesucht hätte. Der Junge verneinte kurz die Frage und betrat dann eiligst die Apotheke.
Es dauerte eine ganze Weile bis vom Apotheker alle Medikamente für die Großmutter zusammengestellt waren. Nun, da er alles bekommen hatte konnte er beruhigt den Heimweg antreten. Als Erich Friemann aber auf die Straße hinaustrat, stand dieser unbekannte Mann immer noch vor der Tür und sprach ihn erneut an. Da ja in wenigen Tagen Weihnachten sei, begann dieser sein Gespräch, wolle er ihm einen Füllfederhalter und 3 Reichsmark schenken.
Der "Alte" der nun neben dem Jungen herlief, redete und redete bis beide die großelterliche Wohnung in Techentin erreicht hatten. Bevor er sich verabschiedete bestellte er Erich Friemann für den nächsten Nachmittag um 15½ Uhr zum Schützenhaus, denn dort sollte er dann die versprochenen Dinge erhalten. Von dieser seltsamen Begegnung mit dem „Alten“ und von der Verabredung am nächsten Nachmittag erzählt der Knabe seiner Mutter.
An besagtem Tag begleitete Erich Friemann seine Mutter nach Ludwigslust, da diese mehrere Einkäufe in der Stadt tätigen wollte. Als sie zufälligerweise vor 15 Uhr am Schützenhaus vorbeikamen, sah der Junge zu seiner Überraschung, daß der "Alte" schon wartete.
Er ging zu ihm hin, währenddessen die Mutter ihren Weg fortsetzte. Allerdings kamen ihr bereits nach ein paar hundert Metern arge Befürchtungen um ihren Sohn, denn irgendwie fühlte sie, daß hier etwas nicht stimmte. In ihr keimte Misstrauen gegenüber diesem fremden alten Mann auf. Deshalb kehrte sie sofort um und folgte den beiden unauffällig, die sich in angeregter Unterhaltung auf der Chaussee in Richtung Grabow bewegten. Nachdem beide ein Stück gegangen waren, sprang der Fremde plötzlich in den Chausseegraben, mitten hinein in ein Eichengestrüpp und kam mit einem großen Stück braunem Packpapier wieder heraus, welches er unter den Arm nahm.
Nachdem beide die Eisenbahnstrecke Ludwigslust-Dömitz überquert hatten, bog er mit dem Jungen links in einen Weg ab, der über eine Eisenbahnbrücke direkt in eine dichte Schonung führte. Während der gesamten Wegstrecke unterhielten sich beide recht lebhaft. Wichtigtuerisch erzählte der für den Knaben immer noch fremde Mann (Seefeldt hatte bisher wohlweislich seinen Namen noch nicht genannt), dass er unbedingt nach Grünhof müsse, weil er dort 150 Reichsmark aufbewahre. Er müsse es holen, da er kein Geld bei sich hätte. Auf dem Rückweg solle der Junge ihm dann helfen seine Koffer zu tragen.
Mittlerweile schienen auch bei Erich Friemann erste Zweifel an der Richtigkeit der Erzählung des „Alten" aufzukommen. Er blieb deshalb kurzerhand stehen und gab dem „Erstaunten“ zu verstehen, daß dieser Weg zur Schonung überhaupt nicht nach Grünhof führen würde, sondern sie können und müssen direkt auf der Chaussee weiterlaufen, denn nur auf dieser kommt man unmittelbar bis Grünhof.
In diesem Moment hatte auch Frau Friemann (sie wird Gott heimlich gedankt haben) die beiden endlich eingeholt und machte nun dem „Alten“ unmissverständlich klar, daß sie ihren Sohn wieder mit zurück nehme. Der ihr unsympathische Fremde wurde mit den ziemlich erregten Worten, er könne nun allein nach Grünhof gehen und dort machen, was er wolle, von ihr abgefertigt.
„Das sei jetzt aber nicht mehr nötig“, erhielt sie zur Antwort, was sie noch mehr stutzig werden ließ. Frau Friemann nahm ihren Sohn und begab sich auf den Rückweg nach Ludwigslust.
Daraufhin machte der „Alte" ebenfalls kehrt, begleitete die beiden ungefragt und nachdem sie ein Stück gegangen waren, warf der „Alte" das Packpapier, welches er bisher unter dem Arm getragen hatte einfach in den Straßengraben.
Frau Friemann die immer noch stark erregt war, stellte an den seltsamen alten Mann die Frage: „...ob er mit dem Jungen irgendetwas vorgehabt hätte“, was dieser natürlich verneinte. Auch sei kein böses oder schlechtes Wort gefallen. Als die Drei an den bereits oben erwähnten Bahnübergang kamen, schenkte der Alte dem Jungen plötzlich einen Füllfederhalter und eine Reichsmark, was die Mutter mit Misstrauen beobachtete. „Jetzt müsse er aber erst einmal kurz austreten" ließ er verlauten und verschwand links in einer Kiefernschonung.
Der Schüler Erich Friemann wartete gemeinsam mit seiner Mutter noch fast eine halbe Stunde, aber der merkwürdige alte Mann kam aus dieser Kiefernschonung nicht wieder hervor.

Vorschau:
Seefeldt kann sich an diesem Fall genau erinnern und bestätigte ihn auch im Wesentlichen. In den Akten wird dazu ausgeführt:
„Das Packpapier will er unter einem kleinen Baumstamm versteckt haben, um seine Bohrmaschine darin einwickeln zu können. Auf Vorhalt, daß die Bohrmaschine doch stets in dem Wachstuch eingewickelt sei, sie daher nicht noch einmal im Papier eingewickelt zu werden brauche, hat der Angeschuldigte erklärt, daß er die Bohrmaschine lieber noch einmal habe einwickeln wollen, da Friemann sie habe tragen sollen.
Auf die Bemerkung, daß Friemann doch die in Wachstuch bereits eingewickelte Bohrmaschine auch ohne weitere Einwicklung hätte tragen können, erklärte der Angeschuldigte: 'Das weiß ich nun nicht mehr' und bestreitet ebenfalls, daß er die Absicht gehabt habe, mit Friemann über die Eisenbahnbrücke in die Schonung zu gehen.“


8.) Der Fall - Otto Eutin aus Schwerin

Am 2. oder 9. Februar 1935 (hier geben die Akten keine genaue Auskunft) einem Sonnabend, war Seefeldt in Görries unterwegs und traf dort im Bölcheweg den 14 Jahre alten Schüler Otto Eutin, den er natürlich sofort ansprach. Als Unterhaltungsthema wählte Seefeldt diesmal das schlechte Wetter, beklagte sich darüber und forderte den Jungen letztendlich auf, ein Stück mit ihm zu gehen.
Seefeldt drückte Otto Eutin sein Uhrmacherwerkzeug zum Tragen die Hand und lief mit ihm in die Schweriner Richtung durch den Eisenbahntunnel hindurch.
Unterwegs erzählte er von seinen Uhrenreparaturen und daß er sonst ständig mindestens 8 Uhren bei sich trage, nur leider heute gerade nicht. Ansonsten hätte er von ihm sofort eine umsonst bekommen. In seinem Rucksack befände sich außer vielen anderen Sachen auch ein Fotoapparat. Nun wurde Eutin doch langsam neugierig und er bettelte Seefeldt an, er solle ihm doch den Apparat einmal zeigen. „Morgen beim Buchholz kannst du ihn sehen. Dort wollen wir dann eine Aufnahme machen und zwar eine Landschaftsbild. Ich werde dir auch zeigten, wie man den Apparat handhaben muss!", entgegnete Seefeldt.
Seefeldt verabredete sich daraufhin mit dem Jungen für den nächsten Vormittag (Sonntag) um 11 Uhr. Als Treffpunkt schlug er das alleinstehende Haus am Nordrand des Buchholzes vor. Eutin versprach zu kommen.
Als beide auf dem Rückweg durch die Rogahner Straße liefen, trafen Sie zufällig Eutins Schulfreund. Diesen Umstand nahm Eutin sofort zum Anlass, um sich von dem Fremden zu trennen.
Allerdings wollte Seefeldt den Jungen nicht einfach so gehen lassen, sondern wollte ihn weiter bei sich führen. Um dieses Ziel zu erreichen, lockte er wieder mit allerlei Versprechungen. Falls er (Eutin) weiter mit ihm kommen würde, so palaverte Seefeldt, bekäme er das neueste Modell eines Fotoapparates. Den hätte er erst kürzlich aus Hamburg mitgebracht. Der passe ganz bequem in die Tasche und bei einer Ferienfahrt könne man alles fotografieren, die Eltern, die Freunde, den Bruder oder die Landschaft. Den Apparat würde er ihm aber erst dann zeigen, wenn er mit ihm zum Buchholz gehen würde. Dann wolle er ihm auch die Handhabung des Fotoapparates erklären und auch die Sache mit der richtigen Entfernung.
Otto Eutin hatte aber keine Lust mehr, weiter mit diesem alten Mann umherzulaufen, sondern ging stattdessen mit seinem Freund weiter. Dem erzählte er erst einmal von der komischen Verabredung mit diesem Fremden. Gleichsam riet sein Freund ihm aber dringend davon ab zum Buchholz zu gehen. Auch andere Schulfreunde von Otto Eutin hielten es nicht für ratsam diese Verabredung wahrzunehmen.
Der Junge ist dem Rat der Freunde gefolgt und am nächsten Tag nicht am verabredeten Treffpunkt erschienen.

Vorschau:
Obwohl Seefeldt den gesamten Vorgang mit mehreren Veränderungen zugibt, bestreitet er aber, den Jungen zum alleinstehen Haus am Buchholz bestellt zu haben, sondern zum oben genannten Eisenbahntunnel. Es sei aber möglich, daß sie über das Buchholz gesprochen haben.


9.) Der Fall - Willi Burmeister in Schwerin

Lichtspielhäuser sind seit jeher Anziehungspunkt von jung und alt. Das wußte auch Adolf Seefeldt. Vor allem Kinder stehen oftmals lange staunend vor den Plakaten und so wirkt es auch gar nicht verwunderlich, daß der „Freund der Kinder“ oft in Kinonähe herumschleicht.
Mitte Februar 1935, er hält sich immer noch in Schwerin auf, kommt er an den Residenz-Lichtspielen vorbei. Dort steht an diesem 14. Februar, einem Donnerstag, gegen 15 Uhr der neun Jahre alte Schüler Willi Burmeister und betrachtet sich die Bilder der Kinoplakate, als er plötzlich von Seefeldt, der von hinten an ihn herangetreten war, angesprochen wird. Der setzt seine, für ihn vorteilhafte Redegewandtheit dem Knaben gegenüber ein und überzeugt ihn davon, daß das Kino viel zu teuer sei und er sich doch lieber für das Geld etwas zu essen kaufen sollte.
Burmeister blickt zu Seefeldt auf, doch der läßt die Unterhaltung gar nicht erst abreißen, sondern bringt den Jungen schließlich dazu, daß er ihm folgt. Beide machen sich auf zum Kino „Schauburg" und anschließend auf Umwegen zum Friedhof.
Unterwegs schenkte Seefeldt dem Knaben erst einmal 10 Pfg., wofür der sich gleich eine Tafel Studentenfutter kauft. Als Dank durfte Seefeldt einmal abbeißen.
Auf dem Friedhof angekommen, ging Seefeldt mit dem kleinen Willi Burmeister in einer Kapelle und zeigte ihm dort zwei Särge, wobei er ihn so fast nebensächlich fragt, ob er in dieser Kapelle liegen möchte. Der Junge verneinte selbstverständlich diese Frage, aber Seefeldt ließ nicht locker und als beide an einer offenen Grabstelle vorbei liefen fragte er Burmeister erneut:“... ob er denn lieber in der Grube liegen möchte" (der Mordfall Neumann ereignete sich zwei Tage später).
Während sie weitergingen drückte Seefeldt den Jungen an sich und streichelte ihm die Wange. Nun wollten sie gute Freunde bleiben, aber von dieser Begegnung sollte er niemandem etwas erzählen, auch zu Hause nicht.
Die Verabschiedung an der Ecke Stiftstraße-Eisenbahnstraße endete wie immer bei Seefeldt; mit einer Bestellung für den nächsten Tag. Diesmal hatte er als Treffpunkt für die Verabredung die Residenz-Lichtspiele festgelegt. Und zwar um 15 Uhr. Dort bekäme er wieder Geld von ihm und er würde ihm auch etwas Schönes kaufen.
Als Willi Burmeister nach Hause kam, erzählte er seiner Mutter natürlich sofort von dieser Begegnung, die ihm aber strengstes verbot, zu diesem Treffpunkt zu gehen.

Vorschau:
Seefeldt kann sich an diesem Fall sehr gut erinnern und gibt ihn auch zu. Allerdings wieder mit den gewöhnlichen Abweichungen.
Der Junge hat auf dem Weg von ihm noch einmal Geld bekommen. Insgesamt etwa 15 Pfg., aber ob er sich mit Willi Burmeister für den nächsten Tag verabredet hatte, das weiß er nicht mehr. Daran kann er sich überhaupt nicht mehr erinnern.


10.) Der Fall - Günter Keubke in Schwerin

Der letzte der insgesamt zehn Fälle, welche die Anlockung von Knaben durch Seefeldt aufzeigen sollen, ist der Fall des Günter Keubke aus Schwerin.
Auch diesen Knaben entdeckte Seefeldt, genau wie den vorangegangenen, vor einem Kino stehend. Der 13-jährige Schüler stand am Freitag, dem 15. Februar 1935 vor dem Kino "Schauburg" in Schwerin und betrachtete sich die Bilder der ausgehängten Filmplakate, als er plötzlich von einem, neben ihm stehenden Mann gefragt wurde, ob er gern ins Kino gehe. Als Keubke die Frage bejahte, wurde er von diesem wildfremden Mann, bei dem es sich natürlich um Adolf Seefeldt handelte, noch für den gleichen Abend ins Kino eingeladen.
Da der Junge aber vorgab spätestens 19 Uhr zu Hause sein zu müssen, begleitete ihn Seefeldt bis zur elterlichen Wohnung. Auf dem Weg dahin entlockte er dem Jungen die nötigen, für ihn wichtigen Informationen. Wie er denn heiße, wie alt er sei und wo genau er wohne.
Zwischendurch erzählte Seefeldt auch etwas über sich, unter anderem daß er einen Jungen zum Freund hätte, aber dieser könne halt nur sonnabends kommen. Auch er könne ihn besuchen und ihm gegebenenfalls beim Schreiben helfen. Außerdem würde er ihm seine Waffensammlung zeigen und einige Waffen sollte er geschenkt kommen. Zusätzlich versprach er dem Jungen noch einen Fotoapparat.
Übrigens, so prahlte Seefeldt weiter, hätte er viel Geld auf der Bank. Davon bekäme er 10 Reichsmark geschenkt. Wenn er am nächsten Tag um 15:30 Uhr an der "Schauburg" sei, werde er ihm das Geld übergeben, und da er auch sehr viel fotografiere, könne er dann gleich mit ihm kommen und beim Aufbau des Apparates helfen.
Wie gewöhnlich vergaß Seefeldt bei der Verabschiedung natürlich nicht, die üblichen Belehrungen durchzuführen. Auch Günter Keubke wurde instruiert, auf keinen Fall den Eltern etwas von dieser Begegnung zu erzählen und erst recht nicht seinen Schulkameraden. Falls Sie ihn mit ihm gesehen hätten, sollte er die Ausrede benutzen: „Der Mann ist nur zufällig neben mir gegangen und hat mich nach der Uhrzeit gefragt."
Günter Keubke erzählte seinen Eltern nichts von dieser Begegnung, ging am nächsten Tag aber auch nicht zum vereinbarten Treffen, denn er hatte sich bereits vorher mit einem seiner Schulfreunde für diese Zeit verabredet. Zu diesem Schulfreund ist er auch gegangen.

Vorschau:
Keubke erinnert sich an diesen 16. Februar 1935 deshalb so genau, weil an diesem Tag seine Mutter verreist ist und ein aus Wismar stammender Junge namens Neumann in Schwerin verschwunden war (zum Vergleich - Mordfall Neumann).
Günther Keubke traf Seefeldt in der Folgezeit noch zweimal (zum Vergleich - Mordfall Zimmermann). Den Aussagen des Jungen zufolge hatte Seefeldt jedes Mal weder Handgepäck noch Rucksack dabei und war mit Mantel und Hut bekleidet.
Seefeldt gibt in der späteren Vernehmung das Zusammentreffen mit Keubke zu, will aber angeblich nicht mehr wissen, was er dem Jungen versprochen hat und worüber er sich mit ihm unterhalten habe.
In den Unterlagen wird dazu abschließend bemerkt:
„Es sind zahlreiche weitere Fälle festgestellt in denen der Angeschuldigte mit Knaben Verabredungen getroffen oder ihnen Uhren, Geld und andere Gegenstände geschenkt beziehungsweise versprochen hat, um sie an sich zu fesseln. Bezüglich der Geschenke und Versprechungen erklärte der Angeschuldigte in der Regel, sie seien von den Knaben gefordert worden. Er versteht es in geschickter Weise, seine Aussagen hierüber so einzurichten, daß immer noch die Möglichkeit offen bleibt, sie zu ergänzen beziehungsweise zu verbessern.
Wenn der Angeschuldigte die hier erörterten Fälle letzten Endes nicht bestritten hat, so mag dies auf die Überlegungen zurückzuführen sein, daß nach Eingeständnis ungleich schwerer liegenden Fälle von Sittlichkeitsverbrechen diese harmloseren Vorkommnisse nicht allzu schwer ins Gewicht fallen könnten.“
Und weiter wird in den Akten aufgeführt:
„Auch in diesem Abschnitt sei hervorgehoben, daß der Angeschuldigte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügt. Es bedurfte manchmal nur eines geringen Hinweises in dem oft schon weit zurückliegenden Einzelfall, um die Erinnerung an die Begebenheiten wachzurufen. Teilweise weiß der Angeklagte die geringfügigsten Dinge so treffend zu schildern, daß auch nicht der leiseste Zweifel über die tatsächlichen Ereignisse bestehen kann. Nur dann versucht er glauben zu machen, daß er sich nicht erinnern könne, wenn die Dinge erörtert oder in Frage gestellt werden, die sein Verhalten besonders charakterisieren. Er versucht aber allen Dingen ein harmloses Mäntelchen umzuhängen und gibt sich den Anschein, als hätten die Kinder ihm leid getan und er habe ihnen aus Mitleid oder aus Freude am Schenken kleine Geschenke usw. gemacht.
In den unter Ziffer 5-10 angezogenen Fällen ist auffallend, wie der Angeschuldigte bestrebt ist, hier abweichend von den Aussagen der Zeugen die Sachlage anders darzustellen. Er will zweifelsohne vermeiden, daß ihm aufgrund eigenen Zugeständnisses bewiesen werden kann, daß er immer das Bestreben gehabt hat, die von ihm angesprochenen Knaben von Schwerin aus mit sich ins Buchholz bei Schwerin zu locken, wo die Knaben Neumann und Zimmermann als Leichen aufgefunden worden sind. (Vergleiche Mordfälle Neumann und Zimmermann).
Weitere Fälle von Kindesanlockungen beziehungsweise Entführungen werden in dem Kapitel Morde zu den einzelnen Mordfällen behandelt werden.“



Ende vom 5. Kapitel.


                Weiter auf der nächsten Seite mit dem 6. Kapitel.


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