Vom Mittelalter bis in die heutige Zeit.


9. Kapitel

Die Verhaftung, das Geheimnis um den Tod zahlreicher Kinder - der unheimliche Logiergast in Mecklenburg und Brandenburg, Todesursache in allen Fällen ungeklärt, Verbrechen im letzten Augenblick verhindert und der entscheidende Schlag.


Die Verhaftung.

In den Morgenausgaben vieler deutscher Zeitungen erschien am Freitag, dem 5. April 1935 in großer Aufmachung diese Meldung, die besonders in Norddeutschland einschlug wie ein Blitz. Dort waren seit Jahren immer mal wieder Knaben spurlos verschwunden, die später tot aufgefunden wurden und in allen Fällen die Todesursache ungeklärt blieb.
Die Einzelheiten, wie diese Knaben zu Tode gekommen sind, konnten ja entweder überhaupt nicht oder aber nicht zweifelsfrei festgestellt werden, was die Bevölkerung im Norden Deutschlands zu erheblicher Unruhe veranlasste.

„Vielfacher Knabenmörder verhaftet“.

Das Geheimnis um den Tod zahlreicher Kinder - Der unheimliche Logiergast in Mecklenburg und Brandenburg.

Die Staatsanwaltschaften Schwerin und Neuruppin sind in tatkräftiger Zusammenarbeit mit der Berliner Mordinspektion einer Reihe von Kapitalverbrechen auf die Spur gekommen, die in der Kriminalgeschichte Deutschlands kaum ihresgleichen haben. Im Verlauf einer großzügigen Fahndungsaktion, die schlagartig fast in ganz Norddeutschland durchgeführt wurde, gelang am 3. April im Kreise Neuruppin die Festnahme des 65 Jahre alten Adolf Seefeldt, der überführt ist, den vor zwei Wochen in einer Schonung bei Wittenberge tot aufgefundenen, neunjährigen Schüler Thomas verschleppt und ermordet zu haben. Nach den bisherigen Ermittlungen kommt Seefeldt auch in zahlreichen ähnlichen Fällen, wo Knaben spurlos verschwanden, als Täter in Frage.
Die Landesstelle Mecklenburg-Lübeck des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda gibt hierzu nachstehenden Bericht heraus:
Im Februar d. J. verschwanden in Schwerin die Schüler Neumann und Zimmermann, ohne daß es gelang, ihr Verbleiben feststellen zu können. Von dem zuständigen Oberstaatsanwalt wurde diesen Fällen nachgegangen, weil die Möglichkeit eines Verbrechens nicht von der Hand zu weisen war.
Umfangreiche Suchaktionen waren ergebnislos. Nun wurde zum Vergleich weiter zurückliegende Fälle, bei denen auch Knaben verschwunden waren, herangezogen; bei der Überprüfung ergab sich eine merkwürdige Übereinstimmung, die sich kaum mit Zufälligkeit erklären ließ. Außer mehreren Fällen in Mecklenburg-Lübeck erschien jetzt auch das Verschwinden von drei Knaben in der Provinz Brandenburg, und zwar in Oranienburg und Neuruppin, zur Nachprüfung wichtig.

Die Veröffentlichung im Berliner Lokalanzeiger - 5. April 1935 

Kurze Rückblende:
Etwa 1½ Wochen bevor die Ermittler den zur Fahndung ausgeschriebenen Seefeldt am 3. April 1935 dingfest machen konnten, herrschten noch ganz andere Verhältnisse im Polizeipräsidium Berlin. Dort hofften alle insgeheim, daß die Fahndung schnell zum Erfolg führen würde, allerdings war man sich freilich nicht hundertprozentig sicher.
Der Stand der polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt war folgender:

Todesursache in allen Fällen ungeklärt.

In allen diesen Fällen hatte sich die Todesursache entweder gar nicht oder aber nicht einwandfrei feststellen lassen. Bei einer Besprechung im Polizeipräsidium Berlin wurde Einstimmigkeit darüber erzielt, daß die Aufklärung aller zur Untersuchung stehenden Fälle nur gemeinsam voran gebracht werden konnte. Die einhellige Meinung, daß es sich hier um eine Folge von Verbrechen handelte, die einem einzigen Täter zuzuschreiben waren, war keineswegs falsch.
Während noch die Staatsanwaltschaft Schwerin und die Mordinspektion des Polizeipräsidiums Berlin umfangreiche Ermittlungen einleiteten, wurde ein neuer Fall am 22. März in Wittenberge bekannt:
Der neunjährige Schüler Thomas wurde in einer Schonung vor der Stadt tot aufgefunden. Wieder ergaben sich die gleichen Tatumstände. Und wenn auch hier eine gewaltsame Todesursache nicht festzustellen war, so konnte es doch keinem Zweifel unterliegen, daß auch dieser Knabe ein Opfer des unbekannten Täters geworden war. Die zuständige Staatsanwaltschaft Neuruppin forderte sofort eine Mordkommission der Berliner Kriminalpolizei an.


Verbrechen im letzten Augenblick verhindert.

Ein wichtiger Hinweis ging dann der Staatsanwaltschaft Schwerin aus Ludwigslust zu.
Dort hatte ein Mann, auf den die Beschreibung der verdächtigten Person aus Wittenberge passte, im Dezember 1934 eine Knaben an sich gelockt. Die Mutter des Knaben hatte ihren Jungen mit einem fremden Manne in Grabow entdecken können. Durch ihr Hinzukommen wurde der Fremde sicherlich von einem neuen Verbrechen abgehalten.
Ferner teilte ein Gendarmeriekommissar aus Grabow einen Fall aus dem Jahre 1930 mit. Damals hatte eine Person, die auch dem Namen nach festgestellt werden konnte, zwei Knaben in ein Gehölz verschleppt. Nur einem Zufall war es auch damals zuzuschreiben, daß die Kinder vor dem Schlimmsten bewahrt blieben.
Der Entführer der Kinder konnte als der jetzt 65jährige Adolf Seefeldt festgestellt werden. Nachprüfungen führten zunächst zu der überraschenden Feststellung, daß er vielfach wegen Sittlichkeitsverbrechen vorbestraft war. Seefeldt pflegte in Mecklenburg und in der Provinz Brandenburg umherzuziehen, um sich Aufträge zu suchen. Er nächtigte zum größten Teil bei Kunden. Zuletzt hatte er sich in Schwerin aufgehalten. Dann war er plötzlich verschwunden.
Nachdem die übereinstimmenden Beschreibungen der verdächtigten Personen mit Seefeldt in einigen Fällen festgestellt worden waren, wurde gleich am Anfang der Woche, in einer gemeinsamen Besprechung der beteiligten Justiz- und Polizeistellen bei der Oberstaatsanwaltschaft, Schwerin der Plan für eine große Fahndung festgelegt.


Der entscheidende Schlag.

In dem Raum zwischen der Ostseeküste und der Linie Magdeburg-Brandenburg-Berlin-Frankfurt a. O. wurden sämtliche Gendarmerie- und Polizeibeamte mit einem besonderen Merkblatt und einem Lichtbild des Gesuchten ausgestattet, um schlagartig die Fahndung einsetzen zu lassen.
Falls Seefeldt in dem vorher erwähnten Gebiet sich befand, mussten diese Maßnahmen zum Erfolg führen, und dieser Erfolg trat auch schon 48 Stunden, nachdem die Person des vermutlichen Täters festgestellt war, ein.
Seefeldt konnte in Wutzetz (Kreis Neuruppin) von Gendarmeriebeamte ermittelt und festgenommen werden, und eine Gegenüberstellung mit Zeugen in Wittenberge führte zu der Gewissheit, dass der Mörder des kleinen Thomas gefasst war. Noch am Abend wurde Seefeldt nach Schwerin gebracht, und sofort mit den Vernehmungen begonnen. Schon aufgrund der bisherigen Feststellungen ist kaum daran zu zweifeln, daß Seefeldt der gesuchte Knabenmörder ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch noch weitere Verbrechen aufgeklärt werden können. Mit dieser Festnahme ist die Bevölkerung von einem der schlimmsten „Volksschädlingen“ (Pressejargon) befreit worden.
Seefeldt war, nachdem er Schwerin am 18. März 1935 urplötzlich verlassen hatte, Richtung Süden abgewandert und erreichte schließlich den nördlicheren Teil der Mark Brandenburg.
Aus den Veröffentlichungen in Schweriner Zeitungen war er stets, dieser Umstand ist nicht von der Hand zu weisen, genauestens über den Gang der Ermittlungen, was das Verschwinden der Schweriner Schüler Neumann und Zimmermann betraf, informiert. Allein die Befürchtung, durch diesen oder jenen Umstand könne er noch in den Verdacht der Täterschaft geraten, veranlasste ihn, Schwerin oder überhaupt Mecklenburg zu meiden. Möglich wäre auch die Tatsache, dass er sogar erst kurz bevor er aus Schwerin verschwand, die Leichen der beiden Knaben (Neumann und Zimmermann) vergraben hat, um dadurch die Aufklärung dieser beiden Fälle zu verhindern.
Um den genauen Weg Seefeldts ab Mitte März nachzeichnen zu können hilft der Blick in das (sein) Tagebuch. Die Aufzeichnungen enden allerdings am 27. März 1935. Für den 28. und 29. März sind jeweils nur noch drei Fragezeichen bzw. ein Freifeld vorhanden.
Dann enden Seefeldts Tagebucheinträge für immer...

März = 1935

F

Mirow

+ 1.3.35

S

Boldekow                      (richtig Boldela)

+ 2. " "

S

   "

+ 3. " "

Görries

+ 4. " "

D

  " 

+ 5. " "

M

  "

+ 6. " " 

D

Boldela

+ 7. " "

F

Görries

+ 8. " "

S

Boldela

+ 9. " " 

S

  "

+ 10. " "

M

  "

+ 11. " "

D

  "

+ 12. " " 

M

Görries

+ 13. " " 

D

  "

+ 14. " "

F

  "

+ 15. " " 

S

  "

+ 16. " "

S

  "

+ 17. " "

M

Görries Privat

+ 18. " "

D

Wöbbelin

+ 19. " " 

M

b. Dadow

+ 20. " " 

D

b. Auto ? "

- 21. " " 

F

? ? ?                   (Gustav Thomas verschwindet spurlos in Wittenberge)

- 22. " " 

S

Schönermark

+ 23. " " 

S

Böckwitz

+ 24. " "

M

Segeletz

- 25. " " 

D

Friesack

+ 26. " " 

M

Ribbeck

+ 27. " "

D

? ? ?                 (nach Akte: Übernachtung beim Arbeiter Liese in Brisen)

- 28. " " 

F

                                       (Ende von Seefeldts Aufzeichnungen)




Für die Zeit vom 29. März bis zum 1. April 1935 fehlt jeglicher Ortsnachweis.



(Die kursiven Eintragungen im Tagebuch sind zusätzliche Informationen 

für den Leser und nicht im Originaltagebuch enthalten).


Adolf Seefeldts letzter Monat im Tagebuch  – März 1935.

Erst am 2. April taucht Adolf Seefeldt wieder auf. Diesmal in Wutzetz, Kreis Neuruppin. Vorher durchquerte er Friesack, weil er dort unbedingt noch zur Apotheke wollte, um seine zu Ende gegangenen Chemikalienbestände zu erneuern. Hier hatte er allerdings Pech und wurde abgewiesen.
Erst solle er mal die erforderliche polizeiliche Bescheinigung beibringen, dann bekäme er die gewünschten Sachen, fertigte ihn der Apotheker kurzerhand ab. Nach dieser Zurückweisung verließ er eiligst die Apotheke und Friesack.

Die Berliner Str. in Friesack 1935.

In dieser Apotheke wollte Seefeldt unbedingt noch seine zu Ende gegangenen Chemikalienbestände erneuern. Hier hatte er allerdings Pech und wurde abgewiesen, da er nicht die erforderliche polizeiliche Bescheinigung beibringen konnte.

Adolf Seefeldts letzter Wanderweg - von Friesack nach Wutzetz 

Er hatte sich entschlossen diesmal in nördliche Richtung weiterzuwandern und erreichte nach ca. zwei Stunden die 10 km entfernt liegende Ortschaft Wutzetz. Er trottete durch den Ort und bot überall, allerdings vergeblich, seine Reparaturdienste an. Aber niemand hatte eine defekte Uhr, die repariert werden, mußte. Nirgendwo bekam er einen Auftrag. Mittlerweile hatte er fast alle Häuser abgeklappert, fast den gesamten Dorfring (kreisförmige Straße innerhalb des Ortes) umrundet, als er endlich bei der Nr. 19 Glück hatte und eingelassen wurde.

In diesem schmucken bäuerlichen Anwesen wohnte das Ehepaar Otto und Auguste Deter. Auguste Deter befragte ihn nach seinem Begehr und ließ ihn eintreten.
Ihr kam dieser Uhrmacher gerade recht, denn im Haus hatten sich im Laufe der Zeit ein paar Uhren angesammelt, die dringend einer Reparatur bedurften. Weil bei Bauersleuten die Zeit grundsätzlich immer knapp ist und sich in unmittelbarer Nähe kein Uhrmacher befand, der Reparaturen ausführte, blieben die Uhren halt defekt im Schrank liegen, bis sich mal eine günstige Gelegenheit ergab. Diese schritt geradewegs durch die Tür.
Hellwach begann Auguste Deter umgehend, nachdem sie Seefeldt die defekten Uhren gezeigt hatte, mit der Preisverhandlung. Ihr fiel sofort auf, daß dieser herumziehende „Glockenschuster“ für einen geringen Lohn arbeitete und es ihm vorrangig um Unterkunft und Verpflegung ging. Schnell wurden sich beide handelseinig.



In diesem Wohnhaus der Familie Deter führte Seefeldt seine letzte Uhrenreparatur durch, bevor er von der Gendarmerie verhaftet wurde.

Da es inzwischen später Nachmittag geworden war, wollte Seefeldt natürlich sofort mit der Arbeit beginnen. Ohne sich weiter aufzuhalten, saß er bereits wenige Augenblicke später im Wohnzimmer am Tisch und reparierte an der ersten Uhr herum.
Das nach ihrem Gast bereits großflächig gefahndet wurde, konnte das Ehepaar Deter noch nicht ahnen, schließlich gab es zu diesem Zeitpunkt weder eine Pressemitteilung, noch einen Plakatanschlag. Dann wäre ein solches Ereignis natürlich auch das Dorfgespräch gewesen.
Später aß Seefeldt mit Otto und Auguste Deter zu Abend und während der Hausherr anschließend noch im Stall und in der Scheune einige Arbeiten erledigte, unterhielt sich Seefeldt mit der Ehefrau. Er erzählte wie so oft von seinem trostlosen Leben, dabei seinen vorgefertigten, Mitleid hervorrufenden Lebenslauf herbetend, daß er keinen lieben Menschen mehr hätte und kein zu Hause. Im Grunde sei er ein alter, bedauernswerter Mensch und immer allein, denn niemand kümmere sich mehr um ihn.
Auf die Frage von Auguste Deter, was er denn wohl mache, wenn er nicht mehr wandern und arbeiten könne, erwiderte Seefeldt: „Ach, dann mache er eben ein Ende, das wäre ja eine Kleinigkeit, ein kleines Fläschchen genüge, dann schlafe man ganz ruhig ein. Er habe immer solche Sachen bei sich, weil er sie in seinem Fach als Uhrmacher gebrauche."
Die Nacht vom zweiten zum 3. April 1935 verbrachte Adolf Seefeldt auf eigenen Wunsch in der Deterschen Scheune im Heu und nachdem er am Morgen gefrühstückt hatte, begann er sofort mit der Reparatur der restlichen Uhren.
Nach dem Mittagessen, so war sein Plan, wollte er damit fertig sein und anschließend weiterwandern. Seefeldt war im Laufe seiner Wanderschaften ja schon einige Male durch Friesack und anschließend auch durch Wutzetz gekommen und überall hatte er seine Reparaturdienste angeboten. Auf diese Weise lernte er viele Leute kennen und man kannten ihn mittlerweile.

Die Vorderseite des Hauses - heute

Die Vorderseite des Hauses, incl. Scheune - heute

Die Rückseite des Hauses - heute

Das eine riesige Fahndungsaktion nach Seefeldt anlief war der Öffentlichkeit bis dahin nicht bekannt. Außer der Veröffentlichung im deutschen Kriminalpolizeiblatt die zur Festnahme von Adolf Seefeldt aufforderte, waren Handzettel für die Gendarmeriebeamten Mecklenburgs und des nördlichen Teils von Frankfurt und Sachsen gefertigt worden.
Die Fahndungsaktion sollte schlagartig am 4. und 5. April 1935 beginnen. Sämtliche Polizeibeamte, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme der Gemeindevorsteher, Stützpunktleiter und der SA hatten daran teilzunehmen. Die städtischen Polizeibehörden in den einzelnen Kreisen wurden von den leitenden Gendarmeriebeamten benachrichtigt, in der Weise, daß auch nicht eine einzige Ortschaft an der Suchaktion nicht teilnimmt.
Die Presse erhält vorab keine Information, erst wenn die Suchaktion am vierten und 5. April des Jahres ohne Ergebnis verläuft. Sämtliche Pressebenachrichtigungen erfolgen dann grundsätzlich durch den Herrn Oberstaatsanwalt in Schwerin.

Bereits am 3. April erfährt der Gemeindevorsteher in Wutzetz bei einem Gespräch mit mehreren Bauern, das am Vortag ein wandernder Uhrmacher durch die Ortschaft gezogen ist und Reparaturaufträge suchte. Er könnte sich aber noch im Ort aufhalten, wahrscheinlich bei der Familie Deter.
Dann ging alles ganz schnell. Der Gemeindevorsteher benachrichtigte sofort per Telefon die Gendarmerie, die kurze Zeit später am Dorfring 19 bei den verwundert dreinschauenden Deters eintraf.

Adolf Seefeldt hatte gerade ordentlich zu Mittag gegessen, saß wieder am Wohnzimmertisch und reparierte gerade die letzte Uhr, als die Beamten in die Wohnstube traten. Erstaunt und fassungslos stand das Ehepaar an der Tür, während die Beamten Adolf Seefeldt erklärten, daß er verhaftet sei. Der ließ sich ohne Gegenwehr oder Protest abführten.
Noch am 3. April 1935 gegen 17¾ Uhr teilte der Herr Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner aus Neuruppin telefonisch die Festnahme des gesuchten Seefeldt mit. 

Über diese Mitteilung und die im Nachgang der Verhaftung eingeleiteten Maßnahmen fertigte die Mordkommission Thomas am 4. April 1935 folgenden Bericht:

Mordkommission Thomas                                                                         Schwerin, den 4. April 1935

Bericht

Am 3.4.1935 gegen 17¾ Uhr teilte der Herr Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner aus Neuruppin fernmündlich mit, daß der zur Festnahme aufgegebene Adolf Seefeldt, in Wutzetz, Kreis Ruppin von der Gendarmerie festgenommen worden sei und er sich noch heute mittels Pkw nach Schwerin gegeben werde. Den festgenommenen Seefeldt werde er mitbringen um ihn nach Schwerin zu überführen.
Er bat ferner, daß Kriminalkommissar Togotzes sich gegen 20 Uhr bereithalten solle, da er beabsichtige, über Wittenberge zu fahren, um ihn in seinen Wagen nach Schwerin mitzunehmen.
Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner traf verabredungsgemäß zur festgesetzten Zeit in Wittenberge ein. Er begab sich zum Rathaus in die Räume der dortigen Polizei. Durch den Kriminalkommissar Togotzes wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, eine Gegenüberstellung mit einigen Zeugen, die am fraglichen Tage sich in der Nähe des Fundortes der Leiche - Städtische Anlagen, Wittenberge - befunden hatten und die den angeblichen Täter mit dem Jungen gesehen haben wollen, vorzunehmen. Der Staatsanwaltschaftsrat Grützner erklärte sich hierzu einverstanden.
Aus diesem Grunde wurden zwei Zeugen, und zwar der Kellner Frank und Schultz herbeigeholt. Gleichzeitig wurden drei Personen zur Gegenüberstellung aus der näheren Umgebung des Rathauses Wittenberge durch Polizeibeamte herbeigerufen.
Eine der zur Gegenüberstellung herbeigerufenen Personen wurde von den Polizeibeamten auf der Straße angetroffen, als diese sich gerade von der Arbeitsstelle auf dem Nachhausewege befand, und gebeten, zur Wache zu kommen. Dies wird deshalb erwähnt, weil diese Person durch ihre abgerissene Kleidung den Eindruck eines Handwerksburschen erweckte.
Die zur Gegenüberstellung herbeigeholten Personen wurden zunächst gebeten, sich auf einen Stuhl zu setzen. Der Beschuldigte Seefeldt wurde in die Mitte gesetzt. Seefeldt befand sich, als die Tatzeugen zur Gegenüberstellung das Zimmer betraten, als zweite Person vom Türeingang gesehen, durch den die Zeugen geführt wurden. Die Tatzeugen wurden vorher unterrichtet, falls, dass einer von ihnen den Täter erkennen würde, sich nicht bemerkbar zu machen.
Beide Zeugen wurden nun gemeinsam in den Raum geführt und gingen einmal an die im Raum befindlichen Personen vorbei und zurück. Nach einem Zeitraum von ungefähr 1 Minute wurden beide Zeugen nach dem Nebenzimmer geführt.
Der eine von ihnen - Schultz - wurde aufgefordert, das Zimmer zu verlassen. Hiermit sollte vermieden werden, daß die beiden Zeugen sich nicht gegenseitig durch ihre zu machenden Aussagen beeinflussen.
Der Zeuge Frank erklärte auf Befragen, daß nach seinem Dafürhalten die zweite der Tür zunächst sitzende Person diejenige sei, die er am fraglichen Tage in den Städtischen Anlagen gesehen hat. Bei dieser Person handelt es sich um den Uhrmacher Seefeldt. Frank machte seine Aussagen scheinbar bestimmt, äußerte aber, daß er sie nicht auf seinen Eid nehmen möchte.
Hiernach wurde der Zeuge Schultz hereingeholt, während der Zeuge Frank das Zimmer verlassen mußte. Schultz bezeichnete ebenfalls die zweite der Tür zunächst sitzende Person als diejenige, die er am fraglichen Tage in den Städtischen Anlagen von Wittenberge mit einem Jungen gesehen habe. Schultz machte seine Angaben sehr bestimmt und sicher, sodass sie den Eindruck erweckten, daß sie auf Wahrheit beruhen. Er erwähnte noch, daß diese Person am fraglichen Tage volles Haar und einen Scheitel gehabt hatte.

Bei der Gegenüberstellung war zugegen:

  • Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner von der Staatsanwaltschaft Neuruppin,
  • Oberinspektor Jänicke von der Polizeiverwaltung Wittenberge,
  • Kriminalkommissar Togotzes vom Polizeipräsidium Berlin,
  • sowie mehrere Polizeibeamte von der Polizeiverwaltung Wittenberge und Unterzeichneter.

Nach der Gegenüberstellung erfolgte die Weiterfahrt mittels Pkw nach Schwerin.
Unterzeichneter konnte wegen Platzmangels nicht mitfahren und wurde von Staatsanwaltschaftsrat Dr. Grützner gebeten, mit der Bahn nach Schwerin nachzukommen. Die Fahrt wurde mit dem D-Zug ab Wittenberge 21:56 Uhr angetreten und Schwerin ist gegen 23 Uhr erreicht.

Gezeichnet: Sauer

                                                                                  Krim.-Ass.



Ende vom 9. Kapitel


Weiter mit dem 10. Kapitel - Die Verhöre




E-Mail
Karte
Infos